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Überleben in Dachau

19,00 € inkl. MwSt.

Guy-Pierre Gautier, Tiburce Oger
Aus dem Französischen von Mathias Althaler
21 • 30 cm | comics
86 Seiten | € 19,00
Erschienen im April 2020

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Dies ist das Zeugnis von Guy-Pierre Gautier, dem Großvater des Zeichners, einem Überlebenden von Dachau. Als 16-jähriger übernahm er 1941 erste Aufgaben in der Résistance, 1943 trat er der Brigade «Liberté» der FTP (Francs-tireurs et partisans) von La Rochelle bei, wo er an Sabotageaktionen und der Aufklärungsarbeit teilnimmt. Doch die Tapferkeit ging mit Nachlässigkeit einher: Nach der Verhaftung der Gruppe begannen die Schwierigkeiten mit Verhören durch die Gestapo und einer Meuterei im Gefängnis von Eysses samt Schießereien. Doch der wahrhaftige Alptraum begann erst mit der Höllenfahrt in Viehwagons nach Dachau. Der Mut konnte die Angst nun kaum mehr verdecken, Tag für Tag, Stunde um Stunde, vom Schmerz zur Qual, bis zum Erscheinen der immensen Silhouette eines amerikanischen GI, der das Ende des Alptraums am 29. April 1945 ankündigt.
1951 veröffentlichte der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno die These, dass es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben. Neben der generellen Fragwürdigkeit von Lyrik nach der Massenvernichtung durch die Nazis, wollte er damit auch zum Ausdruck bringen, dass Kunst/Literatur über den Holocaust für ihn undenkbar ist. Die Worte Adornos treffen im besonderen Maße auf die 9. Kunst zu. Nun hat uns Art Spiegelmann mit seinem „Maus“ deutlich vor Augen geführt, dass es wohl möglich ist die Schrecken der rassistischen Ideologie in Comicform darzustellen. Meiner Meinung nach müssen sich die folgenden Werke, die sich ernsthaft mit dieser Thematik auseinandersetzen an Spiegelmanns Arbeit messen lassen – auch „Überleben in Dach“ von Gautier.
Gautier liefert uns keine Geschichte seines Lebens. Er schildert uns nicht seine Eindrücke, er stellt die Fakten dar. Er lässt den Leser dadurch umso mehr am Schrecken der Zeit teilhaben. Seine Erlebnisse finden nicht in wörtlicher Rede statt, Sprechblasen sind Mangelware. Stattdessen erhalten wir einen detaillierten, bebilderten Bericht über die Arbeit der Widerstandsgruppen in Frankreich, wie deportiert wurde, wie man am Leben bleiben konnte, wer zu wem hielt und welche Seiten ein solches System in den Menschen hervorbringt.
Ein düsteres Zeugnis. Selten gibt es hier Lichtblicke. Aber dennoch gibt es sie und auch sie werden von Gautier benannt. Der deutsche Arbeiter, der den KZ-Insassen, die in seinem Betrieb arbeiten, Marmeladenbrote zusteckt oder zwei Freunde, die sich aus den Augen verloren haben und nach langer Zeit wieder treffen.
Der Band „Überleben in Dachau“ ist ergreifend und allen Unkenrufen zum Trotz würde ich ihn bedenkenlos in jeden Geschichtsunterricht ab der 7. Klasse als Empfehlung aussprechen. Gerade deshalb, weil in so manchen Kreisen so oft über das ständige wiederholen der immer gleichen Geschichte gejammert wird. Gautier legt schonungslos offen, warum das auch immer und immer wieder notwendig ist, denn Wissen darf niemals verloren gehen. Und das eben gelingt Gautier, indem er emotionslos, wie jemand der eigentlich nicht betroffen ist, von seinem Leben berichtet. Er bringt damit die ganze Willkür auf den Punkt. Die Brutalität der Kapos und der SS-Wachmannschaften.
Unmittelbar vor dem Band habe ich zu Wolfgang Koeppen „Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ gelesen. Auch ein Bericht. Thematisch passend. Adornos These, dass es Barbarei wäre, nach Ausschwitz noch zu dichten, kann ich nach diesen beiden Büchern nicht unterschreiben. Im Gegenteil: Wir brauchen viel mehr solcher Bände.
Fazit:
„Überleben in Dachau“ ist der Bericht eines Überlebenden der NS-Mordmaschinerie. Ergreifend und dabei ohne Pathos. Vor allem der jüngeren Generation an die Hand zu geben.
Rezensiert von: Bernd Hinrichs
Graphic Novel gegen das Vergessen
NDR, 5. 5. 2020
In diesen Tage häufen sich die Erinnerungsfeiern an das Ende des 2. Weltkrieges vor 75 Jahren. Aber auch zahlreiche Publikationen erscheinen derzeit zu diesem Ereignis. Eines sticht dabei besonders heraus. “Überleben in Dachau” heißt ein Comic, das die Geschehnisse von damals aus einer sehr persönlichen Sicht erzählt. Geschrieben und gezeichnet haben es die Franzosen Guy-Pierre Gautier und Tiburce Oger.
Es ist der 8. Mai 2015. Guy-Pierre Gautier, geboren 1924 im französischen Saintes, wird an diesem Tag zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Es regnet. Doch dem kleinen Mann kommen keine Gedanken an Stolz und Freude in den Sinn.
“... dass dieser Orden denen gebührt, die nicht heimgekehrt, sondern in Vergessenheit geraten sind?"
Eigentlich wollte Gautier vergessen, doch als zwei Gendarmen im Frühjahr 2015 vor seiner Tür in La-Roche-sur-Yon standen und ihm von der bevorstehenden Ehrung erzählen, holt ihn seine Erinnerung ein. Nie hatte er zuvor an Gedenkfeiern teilgenommen und jetzt soll er in die Ehrenlegion aufgenommen werden. Gautier beginnt nach über 70 Jahren des Schweigens, seine Geschichte zu erzählen. Zusammen mit seinem Enkel, dem Zeichner Tiburce Oger, reist er zurück in seine Kindheit, in die Zeit in der Résistance.
"Wir stellten Flugblätter her. Das klingt vielleicht harmlos, doch hätte man uns erwischt, wären wir vor ein Erschießungskommando gekommen."
Deportation nach Dachau
Es bleibt nicht bei Flugblättern. Sabotageaktionen folgten: Feuer auf ein Kohlenlager am Bahnhof, Entgleisung eines Zuges in Corignac. Im Herbst 43 wird er von der französischen Gestapo festgenommen. Nach Inhaftierung wird er im Sommer 44 mit 1.200 anderen Gefangen nach Dachau deportiert. Vier Tage per Zug in Wagons eingepfercht. Ohne Wasser oder Essen.
"In meinem Wagon starben einige. Wir legten sie in die Ecke. Der Gestank, die Leichen und die Exkremente. Das ist schwer zu beschreiben und kaum in Worte zu fassen."
Gautier berichtet nüchtern und sein Enkel zeichnet im besten Comic Stil. Fließender Strich. Mitreißender Erzählrhythmus. Unterschiedliche Bildgrößen wechseln sich ab. Keine Seite gleicht der anderen. Die eindrucksvolle Erzählung und Darstellung wird besonders durch die Farbwahl Ogers betont. Sind die Tage in Frankreich noch farbig, dominiert in Dachau dreckiges matschbraun und grau/blaue Töne in Form der gestreiften KZ-Kleidung. Gautier spricht in diesem biografisch angelegten Buch über den Überlebenskampf, die körperlichen und seelischen Schmerzen.
"Wenn es kalt war - und der Winter in Bayern war, weiß Gott, kalt - trugen wir wir russische Socken. Dafür wickelte man ein Tuch um den Fuss und zog dann die Stoffschuhe an."
Eine Geschichte, die für viele steht
Auch wenn es die Geschichte eines einzelnen ist, so ist es doch die Geschichte vieler tausender Menschen. Rund 200.000 aus ganz Europa waren im KZ Dachau von 1933 bis 1945 inhaftiert. Allein in den letzten drei Jahren starben mehr als 45.000 Menschen oder wurden ermordet. Auch wenn Gautier ungern auf Erinnerungsfeiern gegangen ist, so haben er und sein Enkel mit diesem Buch ein kleines Denkmal der Erinnerung hinterlassen.
Rezensiert von: Mathias Heller

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