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Kronstadt Uprising

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Dieses Plakat erinnert an die Aufständischen Matrosen und libertäre Kommunist:innen von 1921 in Kronstadt.

Klaus Gietinger - Der Matrosenaufstand von Kronstadt

Der berechtigte Unmut der Petersburger Bevölkerung mit dem Gang der russischen Revolution fand seinen Ausdruck im Aufstand der benachbarten Marinegarnison Kronstadt. Wem gehört die Revolution dem Volk oder der Partei? Klaus Gietingers siebenteilige Kronstadt Serie (erstmalig in der "jungen Welt" 1997 erschienen) wurde unverändert dem Textarchiv der Seite www.bone-net.de entnommen. Eine überarbeitete Version des Textes erschien samt Reaktionen und weiteren Aufsätzen 2011 im Verlag "Die Buchmacherei". Gietinger ist u.a. Drehbuchautor und Regisseur der ARD-Krimireihe "Tatort". Er schrieb das Werk "Eine Leiche im Landwehrkanal" (Edition Nautilus) über die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts. Seine Homepage findet sich hier.

Klaus Gietinger - Die Kommune von Kronstadt

Teil 1: Krieg gegen die Revolution
Teil 2: Avantgarde der Revolution
Teil 3: »Alle Macht den Sowjets«
Teil 4: Aus dem Reich der Freiheit
Teil 5: Und was sagt Lenin?
Teil 6: Feuer aus allen Rohren
Teil 7: Das Blut der Unschuldigen

Krieg gegen die Revolution

Vor 76 Jahren am 16. März 1921 griffen 50.000 Rotarmisten unter General Tuchatschewski die Festung Kronstadt an, in der sich 14.000 Matrosen verschanzt und zweieinhalb Wochen lang, zusammen mit der Zivilbevölkerung der Stadt, die „Dritte Revolution“ gelebt und verkündet hatten. Es waren jene Matrosen, die von Trotzki einmal als »Schönheit und Stolz der Oktoberrevolution« gepriesen worden waren, weil sie über drei Jahre zuvor den Bolschewiki zum Sieg verholfen hatten.

Kronstadt gab einem Aufstand den Namen, der den Niedergang der Oktoberrevolution symbolisiert, wie kein anderer. Kronstadt ist der point of no return der russischen Revolution. Danach war die Sache praktisch gelaufen. Wie aber kam es zum Kronstädter Aufstand? War es ein konterrevolutionärer Putsch oder der Versuch, die Revolution in die Hand derer zurückzuholen, die sie gemacht hatten, die »werktätigen Massen«?

»Es gibt nur ein einziges Land unter den kriegführenden Staaten«, das dank seiner »Entwicklung über solche ökonomischen und geistigen und kulturellen Mittel verfügt, daß es (...) den nottuenden Zusammenschluß der ganzen Kulturwelt verwirklichen kann. Dieses Land heißt Deutschland« Der da 1916 sprach, hieß nicht Ludendorff oder Wilhelm II. Nein, dieser Mann hieß Trotzki.

In Rußland angekommen, verkündete er am Vorabend der Oktoberrevolution im August 1917: »Für die Einführung der Kontrolle der Produktion und die Verteilung hatte das Proletariat sehr wertvolle Vorbilder in Westeuropa, vor allem in dem sogenannten >Kriegssozialismus< Deutschlands. «

Dieser Kriegssozialismus war im April des selben Jahres so nett gewesen, Trotzkis Chef einen Zug, freies Geleit durch Deutschland und eine Menge Geld zu verschaffen (50 Millionen Goldmark). Lenin kam pünktlich an auf dem Finnischen Bahnhof in Petrograd, dem ehemaligen St. Petersburg und noch nicht Leningrad, das hat er nicht vergessen.

Die Preußen machten mächtig Eindruck auf die Bolschewiki: »Solange in Deutschland die Revolution noch mit ihrer Geburt säumt, ist es unsere Aufgabe, vom Staatskapitalismus der Deutschen zu lernen, ihn mit aller Kraft zu übernehmen, keine diktatorischen Methoden zu scheuen, um diese Übernahme noch stärker zu beschleunigen, (...) ohne dabei vor barbarischen Methoden des Kampfes gegen die Barbarei zurückzuschrecken«, schrieb Lenin im Mai 1918.

Deutlich ist hier die Verbindung von Organisation, Disziplin und Barbarei. Und da hätten die Deutschen einiges zu bieten. Der »militärische Realismus« benötigt einen richtig angewandten und zweckmäßig geregelten Terrorismus«. Kein Leninzitat, auch keins von Dserschinski, dem Haupt der 1917 geschaffenen Terrortruppe, der Tscheka. Nein, dieses Zitat stammt vom dem deutschen General von Hartmann aus seinem Buch »Militärische Notwendigkeit und Humanität«, geschrieben im Jahr 1878. Seit 1902 war es faktisch Militärdoktrin des deutschen Generalstabes. »Kriegsräson geht vor Kriegsmanier« bzw. »Not kennt kein Gebot« hießen die hunnischen Regeln. Und 1914 zeigten die Deutschen, was sie darunter verstanden. Tausende von belgischen Arbeitern wurden als Arbeitssklaven verschleppt, 6.000 Zivilisten dieses kleinen Landes hingerichtet, die massenhafte Geiselnahme eingeführt.

Wir wissen nicht, ob Lenin und Trotzki diese Taten des deutschen »Kriegssozialismus« im Einzelnen kannten, doch verblüfft das Bestreben, es »noch besser« zu machen. Denn im Februar des Jahres 1918 - als sich die Bolschewiki noch die Macht mit den linken Sozialrevolutionären, die die Kleinbauern Rußlands vertraten, teilen mußten - waren die Friedensverhandlungen von Brest­Litowsk (vorerst) gescheitert und die Revolution vom Vormarsch der Deutschen bedroht.

Lenin erließ sein Dekret: »Das sozialistische Vaterland in Gefahr«. Die Bevölkerung wurde zur Verteidigung des Landes und des Sozialismus aufgerufen. Ganz nebenher sollten dabei »feindliche Agenten, Spekulanten, Plünderer, Rowdys, konterrevolutionäre Agitatoren und deutsche Spione (...) am Tatort«, also ohne Gerichtsverfahren, erschossen werden. Isaak Steinberg, Volkskommissar für die Justiz, linker Sozialrevolutionär und als solcher Gegner der Todesstrafe - sie war am Tag 1 der Oktoberrevolution mit den Stimmen der Bolschewiki abgeschafft worden - hatte Einwände. Lenin antwortete: »Glauben Sie, daß wir siegreich sein können ohne den wahrhaft grausamsten revolutionären Terror?« Steinberg glaubte es: »Wozu brauchen wir dann noch ein Kommissariat für Justizwesen, nennen wir es doch einfach Kommissariat für soziale Ausrottung!« »Das ist genau das, was es sein sollte«, erwiderte Lenin, »aber das können wir nicht sagen.«

Aus dem Volkskrieg und der sozialen Ausrottung wurde nichts. Noch nichts. Denn die Bolschewiki (selbst in dieser Frage zerrissen) unterschrieben den Friedensvertrag mit den Deutsche doch noch, gegen den heftigen Widerstand der linken Sozialrevolutionäre, die deswegen aus der Regierung austraten. Rosa Luxemburg wettert ebenfalls. Doch die hatte es sich spätesten sei ihrem bösen Artikel (Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie, 1905) gegen Lenins reaktionäre, dem deutschen Militarismus verwandten Disziplinvorstellungen mit ihm verdorben. Außerdem saß sie im Gefängnis. So verloren die Bolschewiki die Ukraine, Polen, Estland, Lettland, Litauen, Teile Weißrußlands und 50 Prozent der Industrie des Zarenreiches.

Die von Lenin erhoffte Atempause für die Revolution aber blieb aus. Ab Sommer 1918 fielen mehrere Interventionsheere in Rußland ein und überzogen das Land mit Terror, weißem Terror. Trotzki organisierte die Rote Armee, baute diese nach klassischen Vorbild auf: Dem preußischen Kadavergehorsam. Dies bedeutete die Rücknahme wichtiger Errungenschaften der Revolution (Milizsystem. Wahl der Offiziere, Soldatenräte) und war, wie die Zertrümmerung der Soldatenräte durch die SPD in der deutschen Novemberrevolution, konterrevolutionär.

Dem Einwand, gegen einen von allen Seiten einfallenden Feind hilft keine demokratisch organisierte Armee, kann man mit Rudi Dutschke antworten, daß »eine solche Situation gerade für Milizen und Partisanenkampf geeignet« ist. Aber Lenin und Trotzki gaben die »basisdemokratische« Reorganisation des sich auflösenden Heeres - nach ersten Mißerfolgen - nur zu schnell auf. Die Bolschewiki (außer Teilen ihres linken Flügels) wollten keine Armee von unten, genauso wie in Lenins Schrift »Staat und Revolution«, in der er sich dem Anarcho-Syndikalismus und den russischen Massenbewegungen näherte, nur als Nebelwerfer diente (der beim zweiten Hinsehen den alten Autokratismus nur versteckte).

Gleiches gilt für die Übernahme der Losung »Alle Macht den Sowjets«. Dies war nur ein verzweifelter (und geglückter) Versuch Lenins gewesen, die Revolution fünf Minuten vor 12 an sich zu reißen und den Massen wegzunehmen, wie es Arthur Rosenberg richtig feststellte. Auf seine Kaderpartei und auf seinen den Preußen abgeguckten diktatorischen Stil wollte Lenin nie verzichten. Und Trotzki? Noch 1905 schoß er mit Rosa Luxemburg gegen Lenin, aber spätestens 1911, als diese auch ihm »jesuitische Politik« vorwarf, hatte auch sie es bei ihm verschissen. Trotzki begeisterte sich fortan für Lenin und fürs deutsche Militär.

Genüßlich rieb sich der Chef der Obersten Heeresleitung, Groener, im Dezember 1918 in Berlin die Hände und ließ den Widerhall seines Militarismus im fernen Rußland den deutschen unabhängigen Sozialdemokraten in der deutschen Revolutionsregierung um die Ohren krachen: »Übrigens gestalten auch die Russen ihr Heer in alter Weise mit Drill und nichtgewählten Offizieren«. Deutsche Militärs und russische Kommunisten waren bestens voneinander unterrichtet.

Mit der Abschaffung der Rätedemokratie in der russischen Armee (sie lebte nur von Oktober 1917 bis April 1918) war nun aber auch die entscheidende Bresche in das Rätesystem selbst gelegt. Unter dem Druck der alten und neuen bolschewistischen Organisationsprinzipien, die sich durch den Bürgerkrieg nur beschleunigt durchsetzten, entstand das, was später >Kriegskommunismus< genannt werden sollte und zur totalen Katastrophe führte.

»Arbeit, Disziplin und Ordnung werden die sozialistische Sowjetrepublik retten«, hieß der Titel von Trotzkis Vorschlag zur Militarisierung der ganzen russischen Gesellschaft. »Sozialismus ist uns Organisation, Ordnung und Solidarität«, sagte der deutsche »Bolschewik«, der Mehrheits-Sozialdemokrat Friedrich Ebert, im Januar 1919 auf der Eröffnung der Nationalversammlung. Hatte er von Trotzki abgeschrieben? Oder klangen beide nur so ähnlich, weil sie Freunde des deutschen Militarismus waren?

Wie auch immer, für Lenin, war klar: »Widerspruchslose Unterordnung unter einen einheitlichen Willen ist für den Erfolg der Prozesse der Arbeit, die nach dem Typus der maschinellen Großindustrie organisiert wird, unbedingt notwendig.« Also wurden die Räte (Sowjets) und die Betriebskomitees, die die Sozialisierung von unten massenweise (und ohne Anleitung von oben) durchgeführt hatten, entmachtet. Die kollektive Leitung in den Betrieben durch Einzelleitung (meist der alten Besitzer) ersetzt. Die syndikalistischen Versuche, die Wirtschaft über einen Allrussischen Betriebsrätekongreß zu organisieren, hatte man mit Hilfe der Gewerkschaften schon im Januar 1918 verhindert. Der Kongreß fand nie statt.

Statt dessen wurde eine gigantische bürokratische Behörde geschaffen, der Oberste Volkswirtschaftsrat, dessen vom Zarismus geerbter Wasserkopf umständlich-lustlos (und vergeblich) versuchte, einen Wirtschaftsplan zu erstellen. Links-kommunistische Führer wie Ossinski (die Kompromisse zwischen Zentralplan und Arbeiterkontrolle im Kopf hatten) ersetzte man bald durch den rigorosen Zentralisten Larin: »Ich nahm die deutschen Kriegsgesellschaften und übersetzte sie ins Russische.« So einfach war das. Statt Sozialismus mit Arbeiterkontrolle und Betriebsräteherrschaft entstand so ein starres, von der Partei kontrolliertes, nicht funktionierendes Leitungssystem. Dies war die zweite konterrevolutionäre Maßnahme der Bolschewiki.

Auf die Spitze getrieben wurde solcherart Kriegskommunismus durch die von Lenin gefürchteten, aber trotzdem geduldeten Versuche der Abschaffung des Geldes. Sich auf Marx‘ dürre Kritik des Gothaer Programm stützend (»Jeder erhält von der Gesellschaft einen Schein, daß er soundso viel Arbeit geliefert (...) und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat soviel Konsumtionsmittel heraus, als gleich viel Arbeit kostet.«), glaubten die Bolschewiki, im Sozialismus würde Geld sehr schnell überflüssig. Also ließ man munter die Gelddruckpressen laufen, bis die Inflation gigantische Ausmaße annahm. Da es aber nicht gelang, ein Rechnungssystem der Betriebe untereinander zu entwickeln, hatten die Bolschewiki die einzig taugliche Rechnungsgröße vernichtet. Gleichzeitig wurden Güter des täglichen Bedarfs, Wohnen, Energieversorgung, Transport und kulturelle Versorgung für kostenlos erklärt. Das Kommissariat für Versorgungsfragen (der zweite bürokratische Wasserkopf) sollte die Verteilung organisieren. Doch der schwarze Markt, auf dem die Russen ihre kostenlos erhaltenen Waren verscherbelten, war, wie der Igel gegen den Hasen, immer schneller. Dies wurde durch landwirtschaftliche Experimente noch verschlimmert.

Die Diktatur des Proletariats hatte in einem Staat, der zu 80 Prozent aus Bauern und nur zu weniger als 15 Prozent aus Arbeitern bestand, seine Schwierigkeiten. Trotzki haßte die Bauern. Lenin wußte, daß er ohne sie nicht auskam, auch wenn er ihnen »kleinbürgerliche Tendenzen« unterstellte. So kamen die Bolschewiki gleich zu Beginn der Forderung der linken Sozialrevolutionäre nach und führten eine Bodenreform durch. Die Gutsbesitzer wurden enteignet, das Land (entgegen dem Verstaatlichungsprogramm der Bolschewiki) verteilt. Faktisch war dies nur eine Legalisierung der von den Bauern »wild sozialisierten« Flächen. Tatsächlich betrug der Landgewinn der Bauern kaum mehr als 10 Prozent - viele gingen leer aus.

Die das größte Mehrprodukt liefernden landwirtschaftlichen Großbetriebe wurden dadurch aber zerschlagen, und die Schicht sogenannter Mittelbauern wuchs an. Die von Marx (aber nicht von den Bolschewiki) so geschätzte archaische russische Dorfgemeinde, die Obscina, gelangte unbeabsichtigt zu neuer Blüte. Gleichzeitig aber beanspruchten Lenin und seine Partei autokratisch das (schon von Kerenski eingeführte) Getreidemonopol. Bürgerkrieg, Inflation und der Crash der Industrieproduktion verschärften das Ganze. Die Rote Armee und die Städte brauchten dringend Nahrungsmittel, die die Bauern nicht verkauften oder tauschten, weil sie dafür nichts oder nur wertloses Papier bekamen.

Also verlangten die Kommunisten von den Bauern, ihre sämtlichen Überschüsse abzugeben. Um dies durchzusetzen, erklärten sie faktisch den Dörfern den Krieg, gründeten »Komitees der Dorfarmut«, mit denen sie einen Keil in die Dorfgemeinschaften treiben wollten, und belegten das Land mit rücksichtslosem Terror. Eintreibungskommissionen verbreiteten Angst und Schrecken. Dies, die »Raswjorstka«, war die dritte konterrevolutionäre Maßnahme der Bolschewiki. Dabei hätten die Bauern, die ja erstmal von der Revolution profitiert hatten, durchaus mit sich reden lassen. Die amerikanische Anarchistin Emma Goldmann, damals monatelang in Rußland, berichtet: »Die Bauern weigerten sich in der Tat, ihre Produkte den Agenten der Regierung auszuhändigen. Sie forderten das Recht, mit den Arbeitern direkt in Verbindung treten zu können, doch das wurde ihnen verweigert.« Die Bolschewiki zogen es vor, 80 Prozent der Bevölkerung ihres Arbeiter- und Bauernstaates Mores zu lehren.

Maria Spiridonowa, 1906 Attentäterin auf einen zaristischen Staatsrat und linke Sozialrevolutionärin, sammelte mit Entsetzen die Berichte der verzweifelten Bauern: »Wir haben das Getreide nicht verborgen, wir haben laut Befehl nach dem Dekret neun Pud pro Kopf für ein Jahr für uns behalten (1 Pud entspricht zirka 16,4 Kilo, die benötigte Jahresration eines Erwachsenen wurde auf mindestens 14 Pud geschätzt). Da sandten sie uns ein Dekret, dem zufolge wir nur sieben Pud behalten durften. Das haben wir getan. Da kamen die Bolschewiki mit militärischen Abteilungen und raubten uns völlig aus.«

»Verprügelungen von Bauern sind in einigen Gouvernements festgestellt worden. Enorm aber ist die Zahl der Erschießungen, der Ermordungen, während der Gemeindeversammlungen, am helllichten Tage und in der Nacht, ohne Gerichtsverhandlungen«, schreibt Spiridonowa an das Zentralkomitee der Bolschewiki. »Im Gouvernement Kaluga wurden im Bezirk Medyn 170 Personen erschossen. Erschossen wurden auch vier Lehrerinnen, die sterbend unter den Kugeln: >Es lebe die Reinheit der Räteherrschaft< gerufen haben (...) Panzerautos und giftige Gase wurden zur Anwendung gebracht (...), in 13 Dorfgemeinschaften innerhalb sieben Tagen 200 Menschen erschossen (...) Smolensk, Bezirk Welisch, 600 Menschen erschossen (...), die Bauern an Stöcke gebunden und bis zu dreimal in Löcher, die man ins Eis geschlagen hatte, getaucht.« Das Ergebnis eines Jahres Kriegskommunismus.

Kein Wunder, daß die Bauern zu Feinden der Bolschewiki wurden, nur noch für den persönlichen Bedarf anbauten und sich ihrer Haut wehrten. Der Effekt: Es gelang den Bolschewiki nicht, die Bevölkerung mit Brot zu versorgen. Die Zwangsmaßnahmen waren wirtschaftlich ein totaler Reinfall. Politisch wirkten sie noch katastrophaler. Das Land war nun praktisch im permanentem Aufstand gegen die städtische Herrschaft der Bolschewiki. Lenin ordnete am 6. August 1918 an, daß jeder Bauer, der mit der Waffe in der Hand angetroffen wurde, sofort zu erschießen sei. Der deutsche »Mehrheitler« Noske hat einen solchen Befehl gegen die deutschen Arbeiter erst im März 1919 erteilt. Die Bolschewiki waren eben schneller.

Auch vorher schon hatten sich Lenin und Co. längst gewappnet. Im Dezember 1917 war die Tscheka gegründet worden. Anfangs nur als Ermittlungsbehörde gedacht, wurde sie sehr schnell zu einem mit unbeschränkten Vollmachten ausgestatteten Terrorinstrument der Bolschewiki. Ganz offiziell ließ Lenin (nach einem Attentat auf ihn) am 4. und 5.9.1918 die »Dekrete über den Roten Terror« verkünden, die Geiselnahmen und Massenerschießungen nicht nur erlaubten, sondern zur Pflicht machten.

Er hütete sich freilich, selbst zu unterschreiben. Rosa Luxemburg, in Deutschland im Gefängnis nur unzureichend informiert, schrieb: »Der Einfall von Radek, z. B. die Bourgeoisie abzuschlachten oder auch nur eine Drohung in diesem Sinn ist doch Idiotie summo grado; nur Kompromittierung des Sozialismus.«

Doch die Idiotie summo grado meldete sich zu Wort: »Wir dürfen nicht nur die Schuldigen hinrichten. Die Hinrichtung der Unschuldigen wird die Masse noch weit mehr beeindrucken,« meinte Krylenko, Steinbergs Nachfolger als Volkskommissar für die Justiz (und später berüchtigter Ankläger in Stalins Schauprozessen). Und die Idiotie summo grado handelte: Die Tscheka verhaftete, sperrte ein, nahm Geiseln und tötete schließlich, wann und wen sie wollte.

50.000 bis 280.000 Menschen (nach unterschiedlichen Schätzungen) fielen bis 1920 allein dem Roten Terror zum Opfer. Doch dann waren die Weißen Armeen (die nicht weniger brutal vorgingen) im Herbst 1920 besiegt (und die Bourgeoisie auch physisch dezimiert). Es gab eigentlich niemand mehr, vor dem man sich hätte fürchten müssen. Lockerten die Bolschewiki nun ihr Regime? Führten sie die Rätedemokratie in den Betrieben, in der Armee, in den politischen Institutionen wieder ein? Wurde nun die Losung: »Alle Macht den Sowjets« Wirklichkeit? Lassen wir Trotzki sprechen: »Unsere Aufgabe ist die Beherrschung der Masse.« Lenin war hier kein Renegat. Die Bolschewiki dachten nicht daran, ihre autokratische Einparteienherrschaft aufzugeben.

Eine gewaltige Hungersnot kam auf Rußland zu und außer Bauernaufständen auch massive Streiks des Vorzeige-Proletariats in Moskau und Petrograd. Die Lage für die Bolschewiki wurde bedrohlich. Da sprang der Funke von Petrograd über auf die »Schönheit und den Stolz der Revolution« (Trotzki) - auf die Matrosen von Kronstadt.

Avantgarde der Revolution

Matrosen scheinen zur Rebellion geboren. Und doch sind es die Verhältnisse, die den Kessel zum Kochen bringen. Schlachtschiffe waren anfangs dieses Jahrhunderts die technisch kompliziertesten Waffen, die modernsten. Moderne Waffen brauchen Fachpersonal:

Facharbeiter. Die sind meist klassenbewußter als ihre Kollegen. Sie bringen das Bewußtsein des Widerspruchs mit. Und der ist auf See schärfer denn sonstwo. Die Regeln sind alt, uralt und starr. Die Knute ist am schlimmsten, der Unterschied zwischen Offizier und Mannschaft am größten in der Marine. Feudal sind die Verhältnisse dort, wo die Maschinen am modernsten hämmern. Und dann die große, weite Welt: Join the navy and you see the world. Nur hat der Matrose nichts oder wenig davon. Aber immerhin, er ahnt die Freiheit. Und empfindet die Enge, den Drill und die Demütigung doppelt. Schlechtes Fleisch reicht dann aus für eine Rebellion.

Kongenial zeigt dies Eisensteins immer noch unerreichter Film »Panzerkreuzer Potemkin« für das Jahr 1905, nicht ganz so genial, aber immer noch achtbar: Kurt Maetzigs »Lied der Matrosen« für die Deutsche Revolution 1918/19. (Westdeutsche Filme über Matrosenrevolten gibt‘s schlicht und einfach nicht!) Alle wichtigen Revolutionen dieses Jahrhunderts wurden von meuternden Matrosen ausgelöst oder begleitet.

Kronstadt war voller Matrosen. Kronstadt, die Stadt auf der Inseln Kotiin, auserkoren zum Schutz der Stadt, die 20 Kilometer östlich den Namen ihres Erbauers trug: Petersburg. Zar Peter, »der Große«, machte aus Kronstadt eine Festung. Eine Festung mit vielen kleinen Festungsmonden drumherum, einen Archipel. Kein fremdes Schiff, keine fremde Flotte sollte »das Tor Rußlands zum Westen«, sollte St. Petersburg, angreifen können.

Doch nicht nur der Kapitalismus schafft sich seine Totengräber selbst. Der Zarismus zeigte sich hier nicht klüger. Kronstadt, ein Hort der Rebellion, von Anfang an. Schon 1901 tauchten dort die ersten illegalen Flugblätter auf, und vier Jahre später, bei der ersten Revolution, waren Kronstadt und seine Matrosen ganz vorne mit dabei. Der Auslöser: schlechtes Essen. Mit Rufen wie »Tötet den Kommandanten!« stürmten die Matrosen durch die Stadt, errichteten Barrikaden, Unterlagen aber nach zwei Tagen den Regierungstruppen. 17 Tote, 82 Verletzte und 3.000 Arretierungen waren das Ergebnis. Nur Monate später, im Sommer 1906, kam es erneut zu offener Meuterei in der Basis der Baltischen Flotte. Wieder war der Haß auf das autokratische Regime der Offiziere und deren Lust am Kadavergehorsam die Ursache. »Ihr habt lange genug unser Blut getrunken«, riefen die Matrosen. Und wieder ließ der Zar den Aufruhr blutig niederschlagen. Doch diesmal gab es Exekutionen: 37 Matrosen wurden an die Wand gestellt, Hunderte nach Sibirien geschickt.

Knapp elf Jahre hielt die trügerische Ruhe an. Dann kam das Jahr 1917. Mit einem riesigen Knall atomisierte sich die 300jährige Herrschaft der Romanows. Das meiste Pulver dafür lieferten die Kronstädter Matrosen. Und diesmal nahmen sie Rache. Am 28. Februar wurde der Kommandierende Admiral der Baltischen Flotte, R. N. Viren, aus seinem Hauptquartier geholt und auf dem sogenannten Ankerplatz in der Stadtmitte augenblicklich exekutiert. 40 Marineoffiziere folgten ihm. Wenn man bedenkt, daß während der Februar-Revolution in ganz Rußland insgesamt 76 Marineoffiziere gelyncht wurden, kann man den Haß der Kronstädter ermessen.

Der Platz, der - im wahrsten Sinne des Wortes - vom Blut der alten Herrschaft getränkt war, entwickelte sich nun zu einer Art »freien Universität«. Täglich versammelten sich die Matrosen hier (es sollen 25.000 Menschen dort Platz gefunden haben) und praktizierten permanente Basisdemokratie. Räte entstanden. »Alle Macht den Sowjets« hieß die Devise, ja es entwickelten sich sogar Agrarkommunen. Eine solche Agrarkommune bestand aus 50 Mitgliedern, man bestellte freie Flächen auf der Insel und versuchte sich in landwirtschaftlichem Kommunismus. Tatsächlich bewahrten diese Agrarkommunen die Stadt in der Zeit des Bürgerkriegs (1918 - 1920) vor dem Hungertod.

War dies aber alles spontan geschehen oder folgte man hier einer Tradition? Tatsächlich hatten, mehr noch als die Bolschewiki, die Anarchisten und die Linken Sozialrevolutionäre viele Anhänger unter den Matrosen. Diese rekrutierten sich nämlich nicht nur aus der Facharbeiterschaft, sondern der Anteil der Bauern unter ihnen war sehr groß. Vor allem die Linken Sozialrevolutionäre (LSR), eine Partei, die sich im Laufe des Weltkrieges von den rechten Sozialrevolutionären und ihrer Kriegspolitik distanzierte und so zu neuer Parteigründung gezwungen war, erfreute sich großer Beliebtheit. Die Sozialrevolutionäre waren aus der Volkstümlerbewegung (Nardoniki) hervorgegangen, die sich für die unter dem Zarismus erniedrigte und beleidigte Masse der Kleinbauern einsetzten und die Enteignung des Großgrundbesitzes forderten.

Die LSR wiederum arbeiteten eng mit den Bolschewiki zusammen. Man hatte das gleiche Ziel: Kommunismus. Doch während die LSR individuellen Terror (ausgeübt mittels Attentate auf zaristische Generäle oder Machtinhaber) bejahten, lehnten sie den eigentlichen Terror, den »Staatsterror«, ab. Daß die Bolschewiki genau andersherum dachten, sollte sich erst noch finden.

Im Mai 1917 zeigte sich die Radikalität des Kronstädter Sowjets. Man weigerte sich schlicht und einfach, die Autorität der Provisorischen Regierung anzuerkennen. Kerenski, rechter Sozialrevolutionär (damals noch Kriegsminister, später Ministerpräsident), setzte den Kronstädter Sowjet ab. Doch diese Maßnahme stand nur auf dem Papier und juckte die Matrosen und Arbeiter auf der Insel nicht. Schon hier umwehte der Geist der legendären Pariser Kommune von 1871 die Insel Kotlin. Heerscharen von Delegationen (von der Front wie aus dem Hinterland) besuchten das »Mekka der Revolution«, um praktizierten Kommunismus zu studieren. »Republik Cronstadt« höhnte die bürgerliche Presse und bezichtigte die Matrosen damit gleichzeitig des Separatismus und Anarchismus.

Während der stürmischen Juli-Tage eilten die Kronstädter Matrosen dann nach Petrograd (so hieß St. Petersburg seit 1914) und spielten im ersten Versuch der Bolschewiki, die Macht zu erlangen, die zentrale Rolle. Trotzki war so hingerissen, daß er die Matrosen als »Schönheit und Stolz der Revolution« titulierte. Knapp vier Jahre später hätte er sich wegen dieses Ausspruches wohl gern die Zunge abgebissen. Doch damals stellt er sich noch schützend vor den rechten Sozialrevolutionär und Landwirtschaftsminister Viktor Tschernow und verhinderte, daß er gelyncht wurde. Damals! Denn zu jener Zeit hat der bewaffnete Prophet Leo Dawidowitsch Trotzki wohl selbst nicht daran geglaubt, daß er den Sprung vom Revolutionär zum Exterminator so schnell vollziehen würde.

Am 25. Oktober 1917, jenem Tag, der die Welt erschütterte, beteiligten sich viele Kronstädter Matrosen am Sturm auf das Winterpalais, auf das zuvor schon der Panzerkreuzer »Aurora« seine Breitseite abgeschossen hatte. Noch getragen von den Massen, errichteten die Bolschewiki ihre Herrschaft.

Aber schon bald kam es zu Reibungsverlusten zwischen den Matrosen und den Bolschewiki, erstere nämlich forderten (wie die LSR) eine Koalition aller sozialistischen Parteien (Menschewiki, Rechte und Linke Sozialrevolutionäre, Anarchisten und Bolschewiki). Doch außer den LSR lehnten alle anderen Parteien das ab. Gleichwohl vertraten die Kronstädter Matrosen ihre Forderung mit Nachdruck: Dem Rat der Volkskommissare unter Führung Lenins versprachen sie nämlich, daß die Kanonen ihrer Schlachtschiffe, so wie das Winterpalais, auch eines Tages das Smolny-Institut (wo die Kommissare saßen) unter Feuer nehmen könnten. Eine originelle Art, die Bolschewiki an die demokratischen Ideale der Revolution zu erinnern. Das hinderte die Matrosen allerdings nicht, Lenin beim Verjagen der Duma, dem russischen Parlament, im Januar 1918 behilflich zu sein, ein Akt, der nicht nur bei den deutschen Sozialdemokraten ihre Bolschewismuspsychose auslöste, sondern auch von Rosa Luxemburg kritisiert wurde.

Während Lenin sich vom Parlament (auch wenn die sozialistischen Parteien die Mehrheit hatten) die Revolution nicht aus der Hand nehmen lassen wollte, war die Dumafeindlichkeit bei den linken Sozialrevolutionären und den Matrosen anders gelagert. Sie mißtrauten jeder zentralen Institution. Sie glaubten an die von Lenin okkupierte Parole: »Alle Macht den Räten!« Sie glaubten an die Dialektik von Diktatur der Werktätigen (Arbeiter, Bauern und Soldaten) und direkter Demokratie durch die Räte, das was Rosa Luxemburg meinte, als sie schrieb: »Jawohl: Diktatur! Aber diese Diktatur besteht in der Art der Verwendung der Demokratie, nicht in ihrer Abschaffung.«

Sie alle hatten ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht. Für Lenin zählten nicht die Räte, für ihn zählte die Partei »neuen Typs«, der eigentlich ein ganz alter war: die Kaderpartei, die zentralistisch von oben nach unten funktioniert. Und wenn Lenin die populäre Formel ausgab »Kommunismus ist Rätemacht plus Elektrifizierung!«, war das erste gelogen und das zweite mit Wunderglauben belegt. Drei Jahre nach ihrer Ausgabe wurde die magische Formel als das, was sie war, als bloßer Fetisch, von den Matrosen erkannt und umgedichtet: »Bolschewistischer Kommunismus ist Herrschaft der Kommissare plus Erschießungen.«

Doch im Jahr 1918 ließ sich dies noch schwer erkennen, denn die Zeiten waren schwer und schienen außerordentliche Maßnahmen zu rechtfertigen. Im Februar rückten die Deutschen von Westen her immer weiter vor, im Frühjahr fielen konterrevolutionäre Truppen, angeführt von ehemaligen zaristischen Generälen, von Süden, Nordwesten und Osten in das Land ein. Der Widerstand mußte organisiert werden. Nur zu schnell gaben die Bolschewiki das von Marx geerbte Kommuneprinzip, die direkte Demokratie in der Armee auf. Eine verlorene Schlacht - und schon wischten die Bolschewiki alle revolutionären Prinzipien beiseite.

Die Rote Armee wurde nach westlich-kapitalistisch-militaristischem Prinzip aufgebaut. Und dies sahen die Matrosen gar nicht gerne. Im März lösten die Bolschewiki, trotz heftigem Widerstand, das flotteneigene gewählte Zentralkomitee (Tsentrobalt) auf und übertrugen seine Funktionen einem von der Partei kontrollierten Rat der Kommissare. Gleichzeitig schlossen Lenin und Trotzki (nach langem inneren Ringen) Frieden mit den Deutschen bzw. mußten sie einem Annektionsfrieden zustimmen. Dies betrachteten nicht nur die Matrosen als Kniefall vor dem deutschen lmperialismus.

Anarchisten, linke Kommunisten und linke Sozialrevolutionäre sahen nun die Weltrevolution gefährdet und Rußland im Würgegriff dessen, was wir heute als Sachzwänge bezeichnen. Im April verabschiedeten Matrosen der Baltischen Flotte eine scharfe Resolution, in der sie den Bolschewiki vorwarfen, sie wollten die Flotte liquidieren, um den deutschen Wünschen zu entsprechen. Die Resolution ging sogar soweit, zum allgemeinen Aufstand gegen die Bolschewiki aufzurufen: »Verjagt sie!«

Im Juli 1918 war es dann fast soweit. Unter Führung von Maria Spiridonowa, der Vorsitzenden des Allrussischen Bauernkongresses, heckten die linken Sozialrevolutionäre einen romantisch-naiven Plan aus: Mit einem Attentat auf den deutschen Gesandten in Moskau, Graf von Mirbach, wollten sie einen Volksaufstand gegen die deutschen Besatzer in der Ukraine und Weißrußland auslösen. Das Attentat gelang und stürzte die Herrschaft der Bolschewiki in eine ernste Krise. Denn Dserschinski, der Leiter der Tscheka, wurde von seinem eigenen Stellvertreter, dem Linken Sozialrevolutionär Alexandrow, festgesetzt. Keine Frage, daß auch hier Kronstädter Matrosen beteiligt waren. Auch Latsis, einer der Vasallen Dserschinskis, geriet in die Hände der Blaujacken. Mehrere Regimenter der Roten Armee in der Hauptstadt erklärten sich für neutral, ja sogar Lenins Gardetruppe, die lettischen Schützen, wankte. Wladimir Iljitsch war -  wenn auch nur für Stunden - ohne bewaffnete Macht.

Allerdings zeigte sich hier auch das Dilemma der Linken Sozialrevolutionäre. Sie wollten zwar einen Volksaufstand, aber ihnen ging jeder Wille zur Macht ab. Das unterschied sie von den Bolschewiki. Im speziellen hieß dies, Alexandrow widersetzte sich einer Liquidierung Dserschinskis - an dessen Händen schon zu dieser Zeit massenhaft Blut klebte - durch die Matrosen, er ließ ihm das Leben. Dserschinski dankte es ihm nicht, nachdem der Volksaufstand ausblieb und die Bolschewiki ihre Herrschaft wieder stabilisiert hatten, ließ Genosse Felix als erstes seinen Stellvertreter Alexandrow an die Wand stellen. Die Linken Sozialrevolutionäre wurden als Partei und etwa 200 von ihnen als Menschen exekutiert.

»Der Eindruck von der letzten Wendung der Dinge im Allgemeinen hundsmäßig. Man möchte die Beki (Bolschewiki - K.G.) mächtig beschimpfen,« kommentierte Rosa Luxemburg die Ereignisse, die sie bald zu ihrer berühmten Schrift »Zur russischen Revolution« anstacheln sollten.

Wieder wanderten Matrosen in Gefängnisse, diesmal in bolschewistische. Das hinderte das Gros ihrer Kronstädter Kameraden nicht, sich mutig in den von 1918 bis Herbst 1920 dauernden Bürgerkrieg gegen die weißen Armeen zu stürzen. An allen Fronten kämpften die Matrosen in den vordersten Linien. Die Revolution hatte ihren Zauber noch nicht eingebüßt, sterben für die blutrote Fahne erschien noch »süß und ehrenvoll«.

Doch als der Bürgerkrieg siegreich zu Ende gebracht war, war auch die Revolution besiegt, hatten sich die »Beki« selbst und endgültig in Konterrevolutionäre verwandelt. Denn entgegen den Erwartungen machten sie ihre mit dem Bürgerkrieg begründeten Maßnahmen der Entmachtung der Sowjets in Armee, Betrieben und Politik nicht rückgängig. Sie lockerten ihre Einparteiendiktatur um keinen Deut.

Die Matrosen aber verlangten nun, da die Gefahr der weißen Invasionen vorüber war, die Rückkehr zu den demokratischen Leitungsprinzipien in der Flotte. Ende 1920 entstand eine sogenannte Flottenopposition, ähnlich der Arbeiteropposition in den Fabriken. Entscheidender Antrieb der Matrosen war der eigene Augenschein. Denn zum erstenmal nach langen Jahren konnten die Matrosen Urlaub machen. Der aber führte sie in die Dörfer ihrer Kindheit, wo sie aufgewachsen waren und wo die Eltern noch als Bauern lebten. Was da die Matrosen zu Gesicht bekamen, spottete jeder Beschreibung. Sie erlebten mit eigenen Augen den Krieg der Bolschewiki gegen die Bauern: die blutige Arbeit der Requisitionstrupps, den Roten Terror, den Hunger. Stephan Petrichenko, einer der »Anführer« des Kronstädter Aufstandes, berichtete später einem Reporter der New York Times: »Jahrelang, während wir an der Front kämpften oder auf See waren, hatte die bolschewistische Zensur die Geschehnisse zuhause verschwiegen. Als wir heimkamen, fragten uns unsere Eltern, warum wir für die Unterdrücker kämpften. Das machte uns nachdenklich. (Übersetzung KG.)«

Auf dem Weg zurück wurden die Matrosen von den gleichen Straßensperren behelligt, die den in Scharen aufs Land geflüchteten Arbeitern im Schwarzhandel ergatterte Lebensmittel abnahmen (und sie meist selbst verscherbelten). Mutters Freßpaket kam nicht bis Kronstadt. Hunger und schlechtes Essen hielten nun wieder ins Matrosenleben Einzug. Die Desertationsrate in der Baltischen Flotte stieg stark an. Scharenweise traten Matrosen aus der Partei der Bolschewiki, der Russischen Kommunistischen Partei (RKP), aus. Die Flottenopposition innerhalb der RKP bekam im Februar 1921 Oberwasser und forderte die Dezentralisierung der politischen Kontrolle. Trotz eisiger Kälte war eine gewisse Schwüle förmlich zu spüren. Eine Schwüle, die Revolten gebiert. Als kurz darauf die Arbeiter in Petrograd in den Ausstand traten, war das Faß zum Überlaufen voll.

»Der Blitz, der die Wirklichkeit, mehr als alles andere, erhellte« (Lenin), durchzuckte den Himmel über Rußland. Der Aufstand von Kronstadt begann. An seinem Ende war der Mythos vorn Arbeiter und Bauernstaat zerstört.

»Alle Macht den Sowjets«

Als der Delegierte der Freien Arbeiterunion Deutschlands (FAUD), der Anarchist Augustin Souchy, im Jahr 1920 auf Einladung Lenins nach Rußland fuhr, war er begierig, die Verwirklichung der Losung »Alle Macht den Sowjets« zu erleben. Der 28jährige wurde bitter enttäuscht: »Die Putilow-Werke waren, ähnlich wie in Deutschland die Krupp-Werke, die größte Waffenfabrik in Rußland. Als ich da hinging und mir das angesehen habe - die Arbeiterräte in den Putilow-Werken hatten überhaupt keine Rechte. Ihre Rechte bestanden darin, Lebensmittel zu verteilen, nach hygienischen Bedingungen zu sehen, daß das in Ordnung ist.«

Souchy sprach Sinowjew (erschossen 1936) darauf an. »Hören Sie mal, Sie sagen, Sie haben Räte hier, aber die Fabriken und die Betriebe werden ja nicht von den Räten geleitet, sondern von dem Ministerium.« Sinowjew entgegnete: »Aber das geht doch nicht, Genosse, das, was Sie da wollen, ist ja kleinbürgerlicher Pluralismus. Da hätten wir ja anstelle von etwa 1.000 Aktienbesitzern, na sagen wir, 6.000 Kleinbesitzer.« Nun, bei diesen 6.000 verhinderten kleinbürgerlichen Kleinbesitzern der Putilow-Werke war Sinowjew schon damals der bestgehaßte Mann. Die restlichen Proletarier im ehemaligen St. Petersburg sahen es nicht anders. Dabei galten die Petrograder Arbeiter, wie die Kronstädter Matrosen, als die revolutionärsten Elemente Rußlands. Entweder sie hatten sich gewandelt oder aber Sinowjew. Einer von beiden Seiten mußte konterrevolutionär geworden sein. Sinowjew, selbst im Apparat als »Grammophonplatte Lenins« verschrien, wie der Spartakist Karl Retzlaw berichtete, sollte in den kommenden Ereignissen noch eine unrühmliche Rolle spielen.

Offiziell gab es keine Märkte mehr. Aber im Rußland des Kriegskommunismus blühte der Tauschhandel. Dies aber nicht aus böser Absicht, sondern aus Überlebensnotwendigkeit. In Scharen machte die städtische Bevölkerung eine Landpartie, und zwar in ungeheizten Viehwaggons, dicht gedrängt, »Rucksack an Rucksack. Oft blieb der Zug auf der Strecke stehen, der Brennstoff war ausgegangen, die Reisenden stiegen aus und sammelten Holz«, berichtet die französische Anarchistin lda Mett, die eines der besten Bücher über den Kronstädter Aufstand geschrieben hat. Auf dem Land wurden dann Mangelwaren wie Salz, Zündhölzer, Schuhe oder Petroleum gegen Kartoffeln oder Mehl, das die Bauern vor den Requisitionstrupps versteckt hatten, getauscht. Der Schwarzmarkt rettete vor dem Verhungern. Im Sommer 1920, als der Bürgerkrieg praktisch beendet war, die Versorgung aber nicht besser wurde, verbot Sinowjew, auch den bis dahin geduldeten »Handel unter der Hand«.

Da der bolschewistische Staat trotz Ende der ausländischen Blockade sich aber nicht in der Lage sah, die Bevölkerung zu ernähren, nahm der Hunger stetig zu. Am 22. Januar 1921 kürzte die Regierung die mageren Rationen für die Großstädte um ein Drittel. Die Tagesration der Bevölkerung sank unter 700 Kalorien am Tag. Dies war hauptsächlich Folge der verfehlten Landwirtschaftspolitik, die nicht nur die Bauern zu Feinden der Bolschewiki hatte werden lassen, sondern auch die Spannungen zwischen Stadt und Land unablässig verschärfte. Starke Schneefälle und Treibstoffknappheit ließen darüber hinaus die Transportzüge aus Sibirien und dem nördlichen Kaukasus nicht durchkommen. Die Kaufhäuser in Moskau und Petrograd waren leer.

Vor allem Petrograd, weit entfernt von den großen Getreideanbaugebieten war stark betroffen davon. Aber auch die Betriebe bekamen keine Rohstoffe mehr. Anfang Februar mußten in Petrograd 60 Fabriken schließen. Der Reallohn eines Arbeiters dort hatte den Wert von 8,9 Prozent des Jahres 1913 erreicht. Stadtflucht setzte ein. Nur wer überhaupt keine Verbindung zum Land hatte, blieb: das echte Stadtproletariat.

Der Unmut der Arbeiter machte sich zuerst in Moskau breit. Es kam zu Demonstrationen. In Petrograd aber schwoll die Welle des Protestes noch stärker an. Am 23. Februar 1921, hielten die Arbeiter der Trubotschnij-Werke die ersten Fabrikmeetings ab. Man beschloß zu streiken. Am 24. Februar kam es zu Straßendemonstrationen Die Menge wuchs auf 2.000 Arbeiter an. Der Vorsitzende der Petrograder Gewerkschaften Antse­lowitsch eilte ihnen entgegen und forderte sie auf, in ihre Betriebe zurückzukehren, doch im Nu flog er von seinem Auto und bezog Prügel. Der Streik griff nun auf die Baltisky-Werke, die Patronny-Munitionswerke, auf die Tabakfabrik Laferm, die Schuhfabrik Skorohhod und weitere Betriebe über.

Am gleichen Tag zeigte die Avantgarde der Arbeiterklasse, die Partei der Bolschewiki, was sie von ihren Proletariern hielt. Man gründete ein »Verteidigungskomitee« gegen sie. Wiederum am selben Tag proklamierte das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets unter Vorsitz von Sinowjew, der sich gebärdete »wie ein morgenländischer Satrap« (Ida Mett), den Belagerungszustand: nächtliches Ausgehverbot, Verbot aller Versammlungen, Bestrafung nach Kriegsrecht. Die übliche Waffen der Bourgeoisie, der neuen Bourgeoisie.

Am 25. Februar beschimpfte der Petrograd Sowjet die, die er eigentlich vertreten sollte, sie arbeiteten den Weißen Garden in die Hände und hätten die Judenitschs, die Koltschaks, Denikins und Wrangels vergessen (alles weißgardistische Generäle des Bürgerkriegs). Eine Unverschämtheit sondergleichen, wenn man bedenkt, das dies eben jenen Proletariern vorgeworfen wurde, die die Stadt im Oktober 1919 gegen die Einnahme durch Judenitschs Truppen verteidigt hatten.

Doch es kam noch besser. Laschewitsch, Mitglied des »Verteidigungskomitees« (er nahm sich später selbst das Leben) verpaßte den Arbeitern, in Projektion des eigenen Standpunkts, den Titel »Gegenrevolutionäre.« Als Rädelsführer macht er die Trubotschnij-Arbeiter dingfest und empfahl, als hieße er Krupp oder Thyssen, die Aussperrung. Dies bedeutete aber für die Betroffenen automatisch Streichung ihrer Lebensmittelrationen.

Der Petrograder »Sowjet« nahm den Vorschlag an. Solcherhand Feingefühl der Partei neuen Typs blieb nicht ohne Wirkung: Was als »Hungerrevolte« begann, lud sich nun sehr schnell mit politischen Parolen auf. Am 27. Februar konnte man an den Mauern der Stadt folgende Forderungen der Streikenden lesen: »Eine vollständige Änderung der Regierungspolitik ist notwendig. Zuallererst brauchen die Arbeiter und Bauern Freiheit. Sie wollen nicht nach den Dekreten der Bolschewiki leben, sie wollen selbst über sich verfügen. Genossen, bewahrt revolutionäre Ordnung! (...) Freilassung aller verhafteten Sozialisten und parteilosen Arbeiter. Abschaffung des Kriegsrechts; Rede-, Preß- und Versammlungsfreiheit für alle Arbeitenden. Freie Wahl von Werkstatt- und Fabrikkomitees (sawkomi) und von Arbeitergesellschafts- und Sowjetvertretern.«

Die Partei der Arbeiterklasse antwortete mit Verhaftungen und weiteren Verboten. Große Mengen Militär aus der Provinz wurden in der Stadt konzentriert, als schwankend angesehene Verbände entwaffnet oder in die Kasernen verbannt und ihnen die Stiefel abgenommen. Kommunistische Milchgesichter aus den Kadettenanstalten (kursanti) zerstreuten die Demonstranten. Dies ließ Teile der Arbeiter unter »bürgerlichen« Einfluß geraten. »Reaktionäre Schlagwörter machten sich hörbar,« schreibt der amerikanische Anarchist Alexander Berkman, der sich mit seiner Lebensgefährtin Emma Goldmann in einem Petrograder Hotel befand. »Nieder mit der Sowjetregierung! Es lebe die Konstituierende Versammlung!« forderten »sozialistische Arbeiter des Newsksy-Distrikts.« Wenn dies auch nicht Forderung der Mehrheit war, so ist daran interessant, daß später in Kronstadt solche Stimmen nicht laut wurden. Am 28. Februar erreichte die Streikwelle die Putilow-Werke (1917 Zentrum der Revolution, wie es in Pudowkins Spielfilm »Das Ende von St. Petersburg« nachdrücklich geschildert ist).

Die Ereignisse in Petrograd blieben nicht ohne Wirkung auf die Matrosen im 20 Kilometer entfernten Kronstadt. Am 26. Februar versammelten sich die Mannschaften der Schlachtschiffe »Petropawlowsk« und »Sewastopol«, die eingefroren im Eis des Kronstädter Hafens lagen. Man beschloß, eine Delegation in die ehemalige Hauptstadt zu schicken. Sie sollte die Lage erkunden. Zwei Tage später kamen die Männer zurück und berichteten schlimme Dinge. Petrograd war zu einem Heerlager geworden, die Fabriken von Truppen und Militärkadetten umstellt. Erneut versammelten sich die Matrosen auf den Stahlkolossen und verabschiedeten eine Resolution, deren Sprengkraft die der beiden Schlachtschiffe bei weitem überstieg.

Da es sich um das Herzstück des politischen Programms der Kronstädter handelt, ist die Resolution hier zum Großteil wiedergegeben. Man forderte:

  1. Angesichts der Tatsache, daß die gegenwärtigen Sowjets den Willen der Arbeiter und Bauern nicht ausdrücken, sofort neue Wahlen mit geheimer Abstimmung abzuhalten (...)
  2. Rede- und Preßefreiheit einzuführen für Arbeiter und Bauern, Anarchisten und linksstehende sozialistische Parteien.
  3. Versammlungsfreiheit für Arbeitergesellschaften und Bauernorganisationen zu sichern.
  4. Eine parteilose Konferenz der Arbeiter, Soldaten der Roten Armee und Matrosen von Petrograd, Kronstadt und der Petrograder Provinz für nicht später als den 10. März 1921 einzuberufen.
  5. Alle politischen Gefangenen der sozialistischen Parteien und alle in Verbindung mit Arbeiter- und Bauernbewegungen eingesperrten Arbeiter, Bauern, Soldaten und Matrosen zu befreien.
  6. Eine Kommission zu wählen zur Revision der Fälle der in Gefängnissen und Konzentrationslagern Befindlichen. (So die wörtliche Übersetzung von Alexander Berkman aus dem Jahr 1923. Trotzki hatte erstmals im Mai 1918 von »Konzentrationslagern« gesprochen. Der Begriff stammt ursprünglich aus den Kolonialkriegen Ende des 19. Jahrhunderts. Unter dem preußischen Innenminister Severing (SPD) wurden übrigens im Jahr 1921 kurzfristig Konzentrationslager in Deutschland für Osteinwanderer eingeführt. -KG.)
  7. Alle kommunistischen Parteizellen (zur Überwachung und Propaganda - K.G.) abzuschaffen (...) An deren Stelle sollten erzieherische und kulturelle Kommissionen errichtet werden, lokal gewählt und von der Regierung finanziert.
  8. Sofort alle Kontrollabteilungen abzuschaffen (gemeint sind die Straßenblockaden zur Konfiszierung von getauschten Lebensmitteln - K.G.).
  9. Die Rationen aller Arbeitenden gleichzumachen, mit Ausnahme der in gesundheitsschädlichen Beschäftigungen Tätigen.
  10. Die kommunistischen Kampfabteilungen (...) abzuschaffen.
  11. Den Bauern volle Aktionsfähigkeit in bezug auf ihr Land zu geben, ebenso das Recht, Vieh zu halten, unter der Bedingung, daß sie mit ihren eigenen Mitteln auskommen, d.h. sich keiner Lohnarbeit bedienen.
  12. Alle Zweige der Armee und unsere Kameraden, die Kadetten (kursanti) zu ersuchen, unseren Beschlüssen beizutreten.
  13. Zu verlangen, daß die Presse unsere Beschlüs­se im vollstem Umfang an die Öffentlichkeit bringt.
  14. Ein mobiles Kontrollbüro einzusetzen.
  15. Freie handwerkliche Produktion auf der Basis eigener Hände (d.h. ohne Lohnarbeit - K.G.).


Diese berühmte, sogenannte Petropawlowsk-Resolution widerspiegelt nicht nur den politischen Willen der Baltischen Flotte, sondern der werktätigen Massen in Stadt und Land. Sie bringt deren Nöte auf den Punkt und ist ein Indikator dafür, wie weit sich Lenin und seine Partei von deren Willen entfernt hatten. Die Resolution war (obwohl die Frage der Arbeiterkontrolle in den Betrieben gar nicht angesprochen wurde) eine Breitseite gegen den preußisch-bolschewistischen Kriegskommunismus. Denn schon der erste Punkt kam einem Stoß ins Zentrum der autokratischen Herrschaft der RKP gleich, auch wenn er nur die Verwirklichung der Losung der Oktoberrevolution »Alle Macht den Sowjets« verfolgte. Die Bolschewiki konnten sich dies aus der Position, in die sie sich selbst manövriert hatten, nämlich der einer Einparteien-Diktatur statt einer Diktatur der Werktätigen, nicht gefallen lassen. Dies erklärt, warum sie so prompt und hysterisch reagierten.

Doch zurück zum weiteren Ablauf. Am nächsten Tag, dem 1. März 1921 gab es eine Versammlung auf dem Ankerplatz. Etwa 15.000 Matrosen, Soldaten und Arbeiter erschienen (Mehr als ein Viertel der Bevölkerung Kronstadts). Und es kamen zwei hochrangige bolschewistische Funktionäre: Der Präsident der Russischen Sozialistischen Föderativrepublik M. I. Kalinin (ausnahmsweise eines natürlichen Todes gestorben) und der Kommissar der Baltischen Flotte N. N. Kusmin (verschwunden 1938).

Die beiden waren zusammen mit Sinowjew zur Beruhigung der Lage nach Kronstadt geschickt worden. Doch letzterer hatte bereits in Oranienbaum kehrtgemacht und das Hasenpanier ergriffen. Die »Grammophonplatte Lenins« fürchtete offensichtlich, in Kronstadt ein paar Kratzer abzubekommen. Eine erst mal unbegründete Angst. Denn Kalinin und Kusmin wurden mit militärischen Ehren empfangen. Der Vorsitzende des Kronstädter Sowjets, der Bolschewik Wassiljew, eröffnete die Versammlung. Zuerst berichtete die nach Petrograd geschickte Matrosendelegation. Dann wurde die Petropawlowsk-Resolution verlesen. Kalinin, früher Fabrikarbeiter und Bauernsohn aus der Provinz Twer, ein Mann, dem man Verständnis für die Nöte der Massen nachsagte, erhob sich und sprach.

Doch er verwarf die Resolution als Ganzes. So kam es, daß er schon nach wenigen Worten von Zwischenrufen unterbrochen wurde. »Schau auf deine Pöstchen, die du alle bekommen hast, ich wette, sie bringen dir eine Menge ein!« oder »Wir wissen selber, was wir brauchen. Und du alter Mann, kehr‘ zurück zu deiner Frau.« Sehr bald ging Kalinins Stimme in einem Pfeifkonzert unter.

Kusmin erging es nicht besser. Obwohl er die Matrosen an ihre heroischen Taten im Bürgerkrieg zu erinnern suchte, biß er damit auf Granit. »Hast du vergessen, wie du jeden zehnten an der nördlichen Front hast erschießen lassen?« Ein Ausruf, der sich wohl auf »Disziplinarmaßnahmen« während des Bürgerkriegs bezog. Kusmin legte nun wieder typisch bolschewistisches Feingefühl an den Tag und antwortete: »Die Arbeiterklasse hat schon immer Verräter unserer Sache erschossen, und sie wird es auch in Zukunft tun. Meiner Ansicht nach sollte jeder fünfte von euch erschossen werden und nicht jeder zehnte.«

Das wären dann 3.000 gewesen. Die Versammlung tobte. Es dauerte Minuten, bis Kusmin fortfahren konnte. Doch der wurde nicht klüger. Er schrie: »Die Petropawlowsk-Resolution ist konterrevolutionär. Disziplinlosigkeit und Verrat werden von der eisernen Hand des Proletariats zerschlagen.« Lynchte das Proletariat Kusmin dafür oder verprügelte es ihn? Nicht die Spur. Die beiden blieben ungeschoren. Aber sie schwiegen fortan.

Die Versammlung ging nun in den »Besitz« der Matrosen und Arbeiter über. Man zählte nochmals die Verantwortung der Bolschewiki für die wirtschaftliche Lage, die blutigen Requisitionstrupps und vor allem die Tatsache auf, daß sechs Monate nach Beendigung des Bürgerkriegs keine Lockerung der Herrschaft in Sicht war. Schließlich wurden freie Wahlen der Sowjets im ganzen Land fordert! Gegen drei Gegenstimmen (Wassiljew, Kusmin und Kalinin) nahmen die 15.000 die Petropawlowsk-Resolution an. Kusmin und Kalinin verließen die Versammlung ungeschoren. Kalinin gar reiste unbehelligt nach Petrograd zurück.

Am 2. März fand eine Konferenz im Haus Erziehung zur Neuwahl des Kronstädter Sowjets statt. 300 Delegierte, zwei von jedem Schiff, jeder Einheit. Fabrik und Gewerkschaft, waren dazu in der Nacht vorher gewählt worden. Viele Kommunisten befanden sich unter ihnen. Stefan Maximowitsch Petritschenkow, ein Schiffsmaat der »Petropawlowsk«, vormals Klempner und Bauernsohn aus der Ukraine, einer der zentralen Figuren des Aufstands, hatte den Vorsitz. Ein fünfköpfiges Präsidium wurde gewählt. Der Anarchist Alexander Berkman, in den USA wegen eines Attentats auf den Kohlenmagnaten Frick zu 22 Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er 14 abgesessen hatte, berichtet: »Der Geist der Konferenz war durchaus sowjetisch: Kronstadt verlangte Sowjets, die von der Einmischung einer politischen Partei frei waren. (...) Die Haltung der Delegierten war feindlich gegen die willkürliche Herrschaft bürokratischer Kommissare, aber freundlich gegenüber der Kommunistischen Partei als solcher.«

Erneut meldete sich Kusmin zu Wort und griff die Versammlung an. Seine von Anmaßung und Unverschämtheit strotzende Rede endete mit einer pathetischen Geste. »Ich bin eurer Gnade ausgeliefert, ihr könnt mich sogar erschießen, wenn ihr wollt. Aber wenn ihr es wagt, die Hand gegen die Regierung zu erheben, werden die Bolschewiki euch bis zum Äußersten bekämpfen.« Ein zaristischer General hätte wahrscheinlich nichts anderes gesagt (nur »Bolschewiki« durch den »Zaren« ersetzt).

Das Maß war nun voll, Kusmin und Wassiljew (ausdrücklich aber nicht die anderen anwesenden Kommunisten) wurden unter Arrest gestellt. In diesem Augenblick verbreitete sich das Gerücht, die Bolschewiki würden mit 15 Lastwagenladungen Soldaten gegen die Versammlung vorgehen. In aller Eile wurde ein Provisorisches Revolutionäres Komitee gegründet. Die größte Revolte, der die bolschewistische Herrschaft je ausgesetzt war, hatte begonnen. Und sie kam von links.

Aus dem Reich der Freiheit

Die kommunistische Partei, die das Land regiert, hat die Verbindung zu den Massen verloren und sich als unfähig erwiesen, das Land aus dem Zustand allgemeiner Zerrüttung herauf auszuführen. Sie hat den Unruhen. die in letzter Zeit in Petrograd und Moskau ausbrachen (...) nicht Rechnung getragen. Auch die Forderungen, die die Arbeiter erhoben, hat sie nicht berücksichtigt. Sie hält alles das für Umtriebe der Konterrevolution. Doch sie irrt sich gewaltig.« Mit diesen Worten beginnt der Leitartikel der Mitteilungen des Provisorischen Revolutionskomitees der Matrosen, Rotarmisten und Arbeiter der Stadt Kronstadt Nr. 1 vom 3. März 1921 (Kronstädter Iswestija).

Am Tag zuvor war dieses Komitee (in der Hauptsache altgediente Matrosen und Arbeiter) gewählt worden. Unter seiner Führung bewaffneten sich alle Werktätigen und besetzten die strategischen Punkte der Stadt, der Festung und die Druckerei der Jswestija. Auf den Schiffen wurden Troikas gewählt, die freie Wahl der Sowjets vorbereitet. Kronstadt war wie neu geboren. Der Geist des Oktober 1917 durchwehte die Stadt. Euphorie erfaßte die Menschen.

»Zu neuem rechtschaffenen sozialistischen Aufbau zum Wohl aller Werktätigen«, verkündete die Iswestija. »Alle Macht den Sowjets und nicht den Parteien« war der Wahlspruch der Kronstädter (falsch ist: »Alle Macht den Sowjets und nicht den Bolschewiki«, wie immer wieder behauptet wird). Tatsächlich breitete sich die Bewegung aus. Die Fliegerdivision von Oranienbaum auf dem Festland schloß sich sofort den Kronstädtern an. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis auch die Werktätigen Petrograds vom revolutionären Feuer Kronstadts erfaßt würden. Man hatte deshalb noch einmal eine 30köpflge Delegation in die Stadt an der Newa geschickt. Auf ihre Rückkehr warteten die Kronstädter vergeblich, sie wurde nie mehr gesehen. Ähnlich erging es 200 Matrosen, die als Boten die Petropawlowsk­Resolution in alle Städte der Provinz Petrograd tragen sollten, sie wurden abgefangen.

Denn am 2. März ergriffen die Bolschewiki schärfste Gegenmaßnahmen. Lenin und Trotzki verloren keine Zeit. Die ganze Provinz kam unter verschärftes Kriegsrecht. Ein verleumderischer Befehl verkündete, die Matrosen seien »Werkzeuge früherer zaristischer Generäle« und der rechten »Sozialrevolutionäre«, »Produkt von Interventionisten der Entente und französischer Spione.« Angeführt würden die Kronstädter von dem zaristischen General Koslowsky. »Dieser und drei seiner Offiziere, deren Namen noch nicht festgestellt wurden, übernahmen offen die Rolle einer Rebellion.«

Der arme Koslowsky, den Trotzki, entsprechend der üblichen Politik in der Roten Armee seit der Abschaffung des Kommuneprinzips, als militärischen Berater in Kronstadt eingesetzt hatte, ein Mann, der nichts mit der Rebellion zu tun hatte, wurde exkommuniziert und für »außerhalb des Gesetzes stehend« erklärt.

Der Befehl gibt die totale Verlegenheit wider, mit der die Bolschewiki dem Problem »in ohnmächtiger Wut, hilflos und verwirrt« (Kronstädter Iswesttja Nr. 5) gegenüberstanden. Wie sollten sie aber auch auf Leute reagieren, die die Parolen des Oktober ernst nahmen? Eine ganze Stadt als unter »linker Kinderei« leidend zu stigmatisieren, wäre bestimmt nicht so wirksam gewesen. Da griff man schon lieber zur Lüge von den »Weißgardisten«.

Und wie reagierten die Kronstädter auf diese »provokatorischen Gerüchte«? Die »Mitteilung rief allgemeines Gelächter unter den Matrosen und Arbeitern der Versammlung hervor. In noch heiterere Stimmung geriet die Versammlung, als das vom Flugzeug über Kronstadt abgeworfene >Kommunistische Manifest< verlesen wurde. >Bei uns gibt es nur einen General, den Kommissar der Ostseeflotte Kusmin, und der ist verhaftet worden< - erschallte es aus den hinteren Reihen.« (Kronstädter Iswestija Nr. 3)

Doch mit den Bolschewiken war nicht zu spaßen. Das Petrograder »Verteidigungskomitee« stellte den Inselbewohnern ein Ultimatum. Wie immer nicht zimperlich, kam Genosse Sinowjew darin zur Sache: »Wenn ihr nicht nachgebt, wird man euch der Reihe nach wie Rebhühner abschießen.« Spricht auch manche Übersetzung von »Enten« oder gar »Hasen«, so ändert sich nichts am perfiden Inhalt. Noch 1981 bemühten sich deshalb Trotzkisten, in einem Buch ihren bewaffneten Propheten vom Makel dieses Satzes zu befreien. Nein, Trotzki hat ihn nicht gesagt. Er hat ihn in die Tat umgesetzt.

Wie aber entwickelte sich die Lage in Petrograd? Am 4. März wurden alle Verwandten von Kronstädter Matrosen, derer man in Petrograd habhaft werden konnte, in Sippenhaft genommen (eine von Trotzki im September 1918 entwickelte Methode, die er, wie sollte es anders sein, den Preußen abgeguckt hatte). Frauen, Alte und Kinder wanderten als Faustpfand für die arretierten Kusmin und Wassilijew in die Kerker. Wenn ihnen »auch nur ein Haar gekrümmt wird, werden diese Geiseln dafür ihren Kopf hinhalten«, beschrieb das »Verteidigungskomitee« seinen Kampf für das Menschenrecht.

Wie reagierten die Kronstädter? Mit einer Radiobotschaft: »Die Garnison von Kronstadt betont, daß in Kronstadt die Kommunisten die volle Freiheit genießen und daß ihre Familien absolut unangetastet bleiben; sie weigert sich, dem Beispiel des Petrograder Sowjet zu folgen, denn sie betrachtet eine solche Handlungsweise, selbst wenn sie vom Haß diktiert ist, als unendlich niedrig und verwerflich. Solche Methoden hat die Geschichte noch nicht gesehen.« (Kronstädter Iswestija Nr. 5)

Tatsächlich gab es in Kronstadt keinerlei Terror, niemand wurde hingerichtet. Die Matrosen versuchten, jedes Blutvergießen zu vermeiden, und dachten, ihre »gerechte Sache« würde sich durchsetzen, sei ein Fanal für ganz Rußland. Sie verstanden sich als Avantgarde der »Dritten Revolution« (der Ausdruck taucht zum ersten Mal am 8. März auf), des wirklichen Sozialismus, die quasi naturnotwendig alle Werktätigen (Arbeiter, Bauern, Soldaten) Rußlands erfassen würden. Sie sahen nicht, daß sie sehr bald isoliert waren und es auch blieben.

Denn Sinowjew fing an, seinen Verstand zu gebrauchen. Er wußte, er würde Kronstadt nur in seine Hände kriegen, wenn sich die Lage in Petrograd beruhigte. Also benutzte er statt der Peitsche auch mal das Zuckerbrot. Die Straßenblockaden gegen den Schwarzhandel wurden für den Bezirk Petrograd aufgehoben (eine Forderung der Kronstädter), für mehrere Millionen Rubel Lebensmittel im Ausland gekauft und nach Petrograd geschafft. Sogar Schokolade, für Rußland schon immer ein absoluter Luxus, war dabei.

Und diesmal lagen die Kronstädter mit ihrer Einschätzung falsch: »Aber wir wissen, daß man mit diesen Almosen das Petrograder Proletariat nicht kaufen kann.« (Kronstädter Iswestija Nr.4) Eben doch. Der gezielte Einsatz von Repression, Zugeständnis und Lügenpropaganda beruhigte die Lage, auch wenn in so mancher Petrograder Fabrik die Kronstädter Jswestija an der Wand hing, ja sogar ein LKW durch die Straßen fuhr, der Kronstädter Flugblätter abwarf. Die Strategie der Bolschewiki verwirrte die Arbeiter. Mit einer weißgardistischen Verschwörung, bezahlt von französischen Agenten, wollte man nun doch nichts zu tun haben. »Die Kommunisten haben sich die alte Taktik der Jesuiten >Verleumdet, verleumdet, es bleibt ja vielleicht doch hängen< vorzüglich angeeignet«, konstatierten die Rebellen (Rosa Luxemburg hatte schon zehn Jahre zuvor Trotzki ähnliches nachgesagt). Gleichzeitig wurden die Betriebsleitungen ausgetauscht, die Arbeiter entlassen und dann wurde sofort mit Neueinstellungen begonnen. Allerdings blieben jene, die am aktivsten am Streik beteiligt waren, arbeitslos.

Die Bolschewiki hatten ihr erstes Etappenziel erreicht. Das Proletariat von Petrograd reichte den Rebellen auf der Insel Kotlin nicht die Hand, es ging murrend zwar, aber mit etwas Essbarem im Bauch und dem unbestimmten Gefühl, daß es sich vielleicht doch nicht um zaristische Generäle handelte, die in Kronstadt revoltierten, wieder zur Arbeit.

Äußerst bewegt von den Ereignissen und im Angesicht des drohenden Blutbades schrieben Emma Goldman, Alexander Berkmann u. a. am 5. März aus ihrem Petrograder Hotel an Sinowjew einen Brief: »Jetzt zu schweigen ist unmöglich, sogar verbrecherisch. Die jüngsten Ereignisse zwingen uns Anarchisten zu reden. (...) Der Gebrauch von Gewalt durch die Arbeiter- und Bauernregierung gegen Arbeiter und Matrosen wird eine reaktionäre Wirkung auf die internationale revolutionäre Bewegung ausüben und wird überall der sozialen Revolution unberechenbaren Schaden zufügen. Genossen Bolschewiken, überlegt wohl, bevor es zu spät ist! Spielt nicht mit dem Feuer.«

Dann machten Goldman/Bergmann Vermittlungsvorschläge. Doch sie bekamen keine Antwort. Aber plötzlich gelangte, inmitten der Vernichtungsdrohungen, ein moderates Angebot nach Kronstadt: »Meldet nach Petrograd, ob einige Leute aus dem Sowjet - Parteilose und Parteimitglieder von Petrograd aus nach Kronstadt geschickt werden können, um sich zu informieren, um was es geht.«

Wurden die Bolschewiki nun selbst wankend? Gab es Meinungsverschiedenheiten? Oder war das Angebot nur ein Trick? Letzteres ist am wahrscheinlichsten. Denn als die Kronstädter umgehend zurückfunkten: »Der Parteilosigkeit eurer Parteilosen trauen wir nicht. Wir schlagen vor, daß aus den Betrieben und aus den Kreisen der Rotarmisten und Matrosen Vertreter der Parteilosen in Anwesenheit unserer Delegierten gewählt werden. Außerdem könnt ihr noch 15 Prozent Kommunisten schicken«, bekamen sie keine Antwort mehr.

Vielleicht lag das auch daran, daß die Kronstädter Delegierten längst auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren. Jedenfalls hatte die Rote Armee sich zur gleichen Zeit schon in Bewegung gesetzt. Zuerst liquidierte man den »Außenstützpunkt« Kronstadts. Auf mehreren Panzerzügen dampften Trotzkis Kadetten nach Oranienbaum. Es wurde kurzer Prozeß gemacht. 45 Sowjetpiloten inklusive des dortigen Provisorischen Revolutionskomitees und des Chefs der Division der Roten Marineflieger kamen an die Wand. Maschinengewehrfeuer gellte über die Bucht.

Kronstadt war plötzlich allein. Und die Matrosen begingen militärtaktische Fehler. Anstatt sich des strategisch wichtigen Oranienbaum erneut zu bemächtigen, anstatt das Eis um die Insel mit ihrer Artillerie aufzureißen und somit einen Infanterieansturm auf die Festung unmöglich zu machen, vertrauten sie auf die moralische Kraft ihrer Rebellion. Sie glaubten, sie brauchten nur sogenannte Radiobotsc

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