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Im Juli 1936 erhoben sich Millionen Menschen gegen den faschistischen Putsch des General Franco in Spanien.

„Der Mensch macht die Geschichte und ist zugleich ihr Produkt. Auch Durruti, wie jeder Mensch, dessen wesentliche Tugend darin besteht, sich selbst treu zu bleiben, unterliegt dieser allgemeinen Regel: Die Menschen machen die Geschichte, während sie zugleich ihre Kinder sind“, schreibt Abel Paz im Vorwort zur spanischen Ausgabe 1977. nd diesem Wechselverhältnis wird er gerecht, indem er die Biographie Durrutis eng mit den Vorbedingungen und dem Verlauf des Spanischen Bürgerkriegs verknüpft. 

In keinem Land der Welt war die Idee des Anarchismus so weit verbreitet wie in Spanien. Die anarchistische Gewerkschaft CNT hatte in ihren Hochzeiten über eine Million Mitglieder, über 500 000 Menschen begleiteten in Barcelona Durrutis Sarg und machten seine Beerdigung zu einer der größten politischen Manifestationen in der Geschichte Spaniens.

Die Gründe für den Erfolg des Anarchismus sind vielfältig: Bis zum Ersten Weltkrieg war die Iberische Halbinsel ein reines Agrarland, in dem sich archaische Gesellschaftsformen und ein Widerwille gegen jegliche Art von Zentralismus gehalten hatten. Als ökonomischer Gegenpol zu den überwiegend armen Regionen Spaniens entwickelten sich Kataloniens Industriezentren, vor allem die Provinzhauptstadt Barcelona. Daß sich die Arbeiter Kataloniens dem Anarchismus zuwandten, erklärt sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus den Autonomiebestrebungen der Region.

In ihrer Organisationsstruktur war die 1910 in Barcelona gegründete anarchistische Gewerkschaft CNT streng den Prinzipien des Anarchismus verpflichtet: keine Beitragszahlung und keine Funktionäre (sie hatte nur einen bezahlten Generalsekretär). Da sie über keine Streikkasse verfügte, waren ihre Arbeitskämpfe zwangsläufig kurz, aber dafür um so heftiger. Nachteile wie Vorteile einer solchen Organisation liegen auf der Hand: Die CNT konnte wenig effizient sein, weil sie nicht in der Lage war, zentral und rasch zu reagieren. Und genau dieses Manko sollte ihr in den Kämpfen des Spanischen Bürgerkriegs zum Verhängnis werden. Auf der anderen Seite konnte sich eine Führungsclique, die nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht ist, gar nicht erst herausbilden. 1922 entwickelte sich aus der CNT ein illegaler Arm, eine kleine Gruppe, die sich Los Solidarios nannte und mit Sabotageaktionen und Überfällen von sich reden machte. Mitbegründer und entscheidender Motor dieser Gruppe war Buenaventura Durruti, ein Mechaniker aus León in Kastilien.

Gründung der CNT/FAI

Im Jahre 1910 schlossen sich die katalanischen Organisationen der "Libertären" in der CNT zusammen. Diese anarcho- syndikalistische Gewerkschaft wurde in den folgenden Jahren zur mächtigsten; vor allem in Katalonien, dem eigentlichen Wirtschaftszentrum Spaniens war sie die bestimmende Arbeiterorganisation. In z.T. monatelangen Streiks, die mit drakonischen Unterdrückungsmaßnahmen beantwortet wurden, kämpften die Arbeiter der CNT für den libertären Kommunismus, für die Selbstbestimmung der Arbeitenden und gegen die Konzernherren. Die direkte Aktion war ihr Kampfmittel. Niemals erhofften sie sich von Wahlen irgendeine Besserung, der Kampf wurde in den Betrieben geführt - konsequenterweise rief die CNT auch bei allen Wahlen zum Boykott auf. Im Jahre 1927, noch unter der Diktatur Primo de Riveras, wurde die "Federación Anarquista Ibérica (FAI)" gegründet. Diese Geheimorganisation entwickelte sich in kurzer Zeit sowohl zum bewaffneten Arm, als auch zur programmatischen Kraft der CNT. Die FAI war Aktionsverband und "Geisteszustand" (Broué/ Témime), die Methoden waren dem italienischem Anarchisten Errico Malatesta entlehnt, der forderte: "Eine Stadt oder ein Dorf in die Hand bekommen, die lokalen Vertreter der Staatsgewalt unschädlich machen und die Bevölkerung auffordern, sich selbst frei zu organisieren." (15)

So beteiligte sich oder initiierte die FAI beständig Aufstände in den verschiedensten Dörfern und Regionen, in denen dann für Tage oder Wochen der libertäre Kommunismus ausgerufen wurde. All diese Aufstände wurden von der Staatsgewalt blutig niedergeschlagen (16). Einer der folgenreichsten dieser Aufstände fand im Oktober 1934 in Asturien statt. Nach zwei Wochen wurde die Bewegung von dem erstmals in Erscheinung tretenden General Franco niedergemetzelt. Die Bilanz der Kämpfe: 13.000 Tote und 30.000 Gefangene. Folgenreich war dieser Aufstand, weil die 1936 zur Wahl angetretene Volksfront in ihrem Programm die Befreiung der politischen Gefangenen ausdrücklich zum Bestandteil hatte. Diese Forderung und die Hoffnung auf die Befreiung der Genossen in den Gefängnissen bewog die CNT/FAI zum erstenmal in ihrer Geschichte nicht zum Wahlboykott aufzurufen. Dies war dann auch der ausschlaggebende Faktor für den Sieg der Volksfront im Februar 1936.

Sieg der Volksfront Februar 1936

Unmittelbar nach dem Wahlsieg der Volksfront spielten sich in Spanien mehrere Ereignisse ab: Zum einen dachten sowohl die Arbeiter in den Städten, als auch die Bauern auf dem Lande, die Zeit der schon lange fälligen Revolution wäre gekommen. Der Sieg der Linksregierung diente als Legitimation für Massenstreiks, spontane Enteignungen und Kollektivierungen (17). Die spanische Oligarchie wollte das natürlich nicht tatenlos mitansehen, die Zivilgarde schlug alle Aufstände blutig nieder.

Außerdem durchzog seit dem Februar 1936 eine Terrorwelle der Falangisten (eine Bewegung vergleichbar mit den italienischen Faschisten) (18) das Land. Diese Terroraktionen waren, genau wie diejenigen der SA und der italienischen Schwarzhemden darauf gerichtet, die Arbeiterbewegung zu zerschlagen und jede revolutionäre Bewegung im Volk zu unterdrücken (19).

Aufstand der Generäle

Am 17. Juli 1936 brach der seit langem vorbereitete Aufstand aus. Der Putsch wurde von den in Spanisch-Marokko stationierten Truppen unter der Führung von General Franco begonnen. Von Spanisch-Marokko breitete der Aufstand sich innerhalb weniger Tage auf das spanische Festland aus, jedoch "wurde der Ausgang der ersten Kämpfe weniger durch das Vorgehen der Rebellen als durch die politische, organisatorische und militärische Abwehrbereitschaft der Arbeiter, ihrer Parteien und Gewerkschaften bestimmt. Die Militärs siegten, wenn sich die Arbeiterorganisationen durch die Sorge um die Erhaltung der Legalität lahmlegen ließen" (20). Dort jedoch, wo sich die Massen den Truppen entgegenstellten (21), mit oftmals nicht mehr als ihren Fäusten zur Verfügung, dort, wo die Arbeiterschaft entschlossen für ihre Rechte eintrat konnten die Generäle keinen Fußbreit erobern. Die Bastionen des Widerstandes lagen vor allem in Madrid und in Katalonien, dort vor allem in der Hauptstadt Barcelona. Den Truppen stellten sich Menschenmassen entgegen, die unbewaffnet gegen Maschinengewehrfeuer anrannten .... und diese Maschinengewehre letztendlich um den Preis von Hunderten von Toten eroberten (22). Das Ziel der Generäle wurde nicht erreicht, mit einem so starken Widerstand hatten sie nicht gerechnet. Bereits am 21. Juli zeichneten sich klare Frontlinien ab, ein schneller Durchmarsch wie von den Generälen um Franco geplant war nicht mehr in Sicht

Beginn der Revolution

In den Gebieten, in denen sie triumphierten, ließen die Arbeiter sich die historische Chance zur proletarischen Revolution nicht entgehen, sie hatten ihr Leben verteidigt, sie hatten ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen. Eine der ersten Taten der anarchistischen Arbeiter war die Ausräucherung der Kirchen und Klöster. Diese wurden in Gemeinschaftsräume (als Krankenhäuser etc.) umfunktioniert. Die Menschen wußten schon lange vorher, daß die Kirche und die Priester ihre Feinde waren, nachdem diese sich aber zu Beginn des Aufstandes unmißverständlich an die Seite der herrschenden Klasse gestellt hatten und als, in den Kirchen verschanzte Aufständische, Priester und Mönche das Feuer auf die Arbeiter (23) eröffneten, riß der Geduldsfaden der Massen.

Ebenfalls sofort im Anschluß an die Niederschlagung des Aufstandes begannen die Arbeiter damit, alle Wirtschaftszweige zu kollektivieren. Jetzt endlich sollten die Forderungen nach "Land und Freiheit" Wirklichkeit werden: Verkehrsbetriebe, Telefongesellschaften, Dienstleistungsbetriebe, Kinos, die Landwirtschaft usw. wurden unter die Kontrolle der Arbeitenden gestellt. Die Fabrik- und Großgrundbesitzer, die ehemaligen Herren wurden verjagt, sofern sie Widerstand leisteten bekämpft, oder soweit sie kooperationswillig waren in den Fabriken weiterbeschäftigt- zu ganz normalen Löhnen (24).

Kollektivierungen

Über die Kollektivierungen in Barcelona berichtet Augustin Souchy folgendes (25): alle Wirtschaftszweige wurden kollektiviert, die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln wurde von der Gewerkschaft der Nahrungsmittelindustrie übernommen- "vierzehn Tage lebte man in Barcelona ohne Geld. Die Bevölkerung wurde in öffentlichen Speisehallen von den Gewerkschaften gratis ausgespeist". Die Wirtschaft wurde nach sozialistischen Gesichtspunkten sozialisiert, Kleingewerbetreibende schlossen sich in einem gewerkschaftlichen Produktionsverband zusammen, der ihre Löhne zahlte, "Unrentable Unternehmungen wurden niedergelegt oder mit anderen zusammengeschlossen." Die allgemeinen Löhne wurden erhöht, die hohen unproduktiven Gehälter der Direktoren etc. wurden abgeschafft. Bettler waren aus dem Straßenbild verschwunden, ihre Betreuung wurde von den Wohlfahrtsausschüssen der Gewerkschaft übernommen. Die Verkehrsbetriebe wurden in Arbeiterselbstverwaltung betrieben, die Abschaffung der Direktoren und deren Gehälter hatte zur Folge, daß die Löhne der Arbeiter erhöht, die Fahrpreise und die Arbeitszeit gesenkt werden konnten. Insgesamt funktionierte das Verkehrswesen nach der Kollektivierung, auch aufgrund einer Reduzierung des Verwaltungsaufwandes, erheblich besser als vor der Revolution. Ebenso war es mit dem Telefonwesen, nachdem die kriegsbedingten Schäden beseitigt und zahlreiche neue Leitungen verlegt waren. Die meisten Kollektivierungen fanden unter Federführung der CNT statt, aber auch die sozialistische Gewerkschaftsunion UGT beteiligte sich daran.

Auf dem Land, vor allem in Aragón, Katalonien, in der Levante und Kastilien wurde ebenfalls kollektiviert: die Grundbesitzer wurden verjagt und das Land wurde gemeinschaftlich bewirtschaftet. Die bäuerlichen Gewerkschaftsorganisationen der CNT und UGT hatten sich auf eine genossenschaftliche Bewirtung des Landes verständigt - allerdings bestanden sie auf die Freiwilligkeit der Beteiligten (eine Tatsache die Souchy ständig bemüht ist zu betonen). Um die Frage der Freiwilligkeit der Kollektivzugehörigkeit gab (und gibt) es erbitterten Streit, vor allem die Kommunisten betonten in ihrer Propaganda den Zwangscharakter, während von anarchistischer und sozialistischer Seite stets auf die Freiwilligkeit des Beitritts verwiesen wurde.

Fest steht zum einen, daß ohne die gewaltsame Vertreibung und Hinrichtung der Großgrundbesitzer (die vor allem der Anarchist Buenaventura Durruti (26) und seine Kolonne durchführten) die Revolution überhaupt nicht stattfinden konnte, deswegen von Zwang für die Bauern zu sprechen ist aber wohl kaum statthaft. Zum anderen steht aber auch fest, daß der Widerstand gegen die Kollektive von Seiten der Bauern im Laufe des Krieges wuchs, dies ist aber im wesentlichen auf die kriegsbedingt schwieriger werdende Versorgungslage zurückzuführen (27).

In der Anfangszeit der Revolution konnten die Kollektivbetriebe jedoch durch das bloße Beispiel überzeugen - in den Kollektiven wurde ein höheres Lebensniveau erreicht, die Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung der einzelnen Mitglieder wurden verbessert, vorhandene Maschinen wurden effizienter eingesetzt (28), die Produktivität konnte erheblich gesteigert werden (!). (29)

Einen Stimmungsbericht aus den Kollektiven in Aragon gibt der Augenzeuge Augustin Souchy: "Von den 4000 Einwohnern des Ortes Alcoriza, traten 3700 freiwillig der anarchosyndikalistischen Kollektive bei. (...) Die neue Gemeinde wurde auf freiheitlich kommunistischer Basis aufgebaut. Wein und Gemüse wurden gratis verteilt. Jeder erhielt davon, wieviel er wollte. Da Fleisch knapp war, gab es 150 Gramm täglich pro Person. Als man den Kommunismus einführte, verteilte man an jeden Kollektivisten ein Schwein und zwei Hühner. Damit hatten sie etwas für den eigenen Haushalt. Die Kaninchenzucht war frei. Das Geld war abgeschafft worden. Der Handel mit der 'Außenwelt' lag in den Händen des kollektivistischen Wirtschaftsrates. Der Rat hatte eine Wurstfabrik errichtet, in der täglich 500 Kilogramm Wurstwaren hergestellt wurden. Die Würste gingen an die Front für die Milizionäre. Auch eine kleine Schuhfabrik und eine kollektivistische Schneiderei wurde eröffnet. Täglich wurden 50 Paar Lederschuhe und 100 Paar Zeugschuhe hergestellt. Auch davon ging ein großer Teil an die Front für die antifaschistischen Kämpfer. Bekleidungsstücke waren für alle vorhanden. Der kollektivistische Wirtschaftsrat hatte aus dem Erlös der verkauften Wurstwaren von den kollektivistischen Textilfabriken in Katalonien Stoffe gekauft. Die Kollektivschneiderei verfertigte gratis für die Männer Anzüge und für die Frauen Kleider. Niemand erhielt Lohn, doch niemand brauchte etwas kaufen. Alles was die Kollektivisten benötigten, erhielten sie von der Kollektive gratis. 'Sagt mal, Genossen! Wenn da jeder einfach hingeht und sich holt, was er braucht, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen, kommt es da nicht zu Übertreibungen? Gibt es nicht welche, die diese Situation ausnützen?' 'Hier kennt einer den anderen. Wir wissen sehr gut, wer etwas nötig hat und wer nichts braucht. Bis jetzt haben wir noch keinen Fall von habsüchtigem Egoismus gehabt. Wer darauf ausginge, die Kollektive zu betrügen, wäre in der Gemeinschaft unmöglich. Man würde mit dem Finger auf ihn zeigen. Für jeden erscheint es eine Ehrensache, in uneigennütziger Weise am gemeinsamen Werke mitzuarbeiten. Jeder bekommt was er braucht, solange etwas da ist. Vertrauen wird gegen Vertrauen gesetzt. Außerdem wird niemand gezwungen der Kollektive beizutreten. Unser Kommunismus beruht auf dem Prinzip der Freiheit. Wir zwingen keinem das neue System auf. Jeder kann unsere Handlungen in aller Öffentlichkeit kritisieren." (30)

Und weiter aus Calanda, ebenfalls in Aragon: "Von den 4500 Einwohnern des Ortes gehörten 3500 der anarchosyndikalistischen Organisation an. Sie haben 'gleich nach der Bewegung' - wie sie sich ausdrücken und womit sie den 19. Juli und die darauffolgenden Tage meinen - 'die alte Gesellschaftsordnung beseitigt und durch den Kollektivismus ersetzt'. Das Geld wurde natürlich auch abgeschafft und alles nach sozialistischen Grundsätzen geordnet. Vor der 'Bewegung' gab es nur Anarchisten im Orte. Nachher aber begünstigten die Anarchisten selbst die Bildung von republikanischen und sozialistischen Gruppen. Jeder soll zu seiner Freiheit und zu seinem Recht kommen ... Zwischen den Kollektivisten und den Individualisten (die sich der Kollektive nicht angeschlossen haben, A.K.) herrscht gutes Einvernehmen. Der Ort hat zwei Kaffeehäuser. Eines davon gehört den Kollektivisten. Dort nehmen die Mitglieder der Kollektive ihren Kaffee unentgeltlich ein. Im anderen Kaffeehaus müssen die Individualisten ihren Kaffee bezahlen. Die Hauptproduktion des Ortes ist Olivenöl. Im vergangenen Jahre hatte man eine Ausbeute von 1750 Tonnen Olivenöl. Man baut auch Kartoffeln, Weizen und Wein an und züchtet Obst. Die syndikalistische Verwaltung ist sparsam. Die Überschüsse aus der Kollektive werden an die Gemeinde abgeführt. ...  Die Lebenshaltung der Bevölkerung hat sich nach der Kollektivierung gehoben. Die Landarbeiter hatten vorher nicht einmal die Mittel, um sich einmal wöchentlich rasieren zu lassen. Die Kollektive hat eine Rasierstube mit Haarschneidesalon eröffnet. Da kann jeder Kollektivist sich zweimal wöchentlich gratis rasieren lassen ... Täglich werden vierzig Personen mit Kleidungsstücken verschiedener Art versehen. Jeder erhält, was er braucht. Arzt und Medizin sind gratis. Auch Briefporto wird von der Kollektive bezahlt. Der Stolz der Kollektive ist die neue Ferrer-Schule im ehemaligen Klostergebäude des Ortes. Vorher gab es nur acht Lehrer am Orte. Nur die Kinder der Wohlhabenden konnten zur Schule. Nach dem 19. Juli wurde das anders ... Von der Lehrergewerkschaft aus Barcelona wurden zehn Lehrer angefordert. Schulmaterial wurde angeschafft, Bänke und Stühle von den Kollektivisten selbst freiwillig und kostenlos hergestellt. Nun können alle 1233 Kinder des Ortes die Schule besuchen ... Der syndikalistische Gemeinderat beschloß, daß nunmehr keine Mieten mehr [zu zahlen sind] ... Die Häuser werden von der Gemeinde verwaltet und Reparaturen auf Kosten der Gemeine, d.h. der Kollektive, vorgenommen. Wasser und elektrisches Licht sind für die gesamte Bevölkerung gratis, auch für die 'Individualisten' ... Die Feldarbeiten werden gemeinschaftlich organisiert. In Zehnergruppen ziehen die Kollektivisten jeden Morgen gemeinsam zur Arbeit aus. Alle betrachten sich als Mitglieder einer großen Familie..." (31)

Schwierigkeiten - Zerschlagung

Den Kollektiven blieb trotz ihrer unbestreitbaren Erfolge nur eine kurze Zeit in der Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs. Die soziale Revolution, die untrennbar zum Widerstand der Mehrheit des spanischen Volkes gegen den Faschismus gehörte wurde mit zunehmender Dauer des Krieges sowohl von innen, als auch von außen bedroht und letztendlich blutig niedergeschlagen. Ohne die Begeisterung, mit der die Menschen ihr Leben in die eigene Hand nahmen, ohne die Soziale Revolution war aber ein Sieg gegen Franco undenkbar. Die Menschen kämpften nicht für einen republikanischen Staat, "sie wollten das Himmelreich auf Erden" (32).

Innere Faktoren

Schon im September 1936 begannen republikanische und kommunistische Kräfte der Volksfrontregierung mit der Eindämmung der Sozialen Revolution. Die von der CNT/FAI verbreitete Losung "Während der Krieg geführt wird, muß die Soziale Revolution durchgesetzt werden" (33) fand beiden Republikanern und Kommunisten, die formell die Regierung des republikanischen Spaniens stellten, wenig Anklang, da für sie allein die bürgerlich-republikanische Staatsform zu verteidigen war. Zu Beginn der Spanischen Revolution war diese Regierung aber so schwach gewesen, daß sie keinerlei Entscheidungsbefugnisse hatte. Die Macht lag zumindest in Katalonien, dem entscheidenden Wirtschaftszentrum Spaniens, in den Händen der bewaffneten Arbeiter, d.h. der Gewerkschaftsmilizen (neben der CNT/FAI, die UGT und die kleinere POUM (Arbeiterpartei der marxistischen Vereinigung)) und auf dem Land, in kleineren Städten und in den Dörfern bei den Komitees und Räten (34). Nach und nach, mit der Gründung des "Zentralkomitees der Milizen", das eine Art Zentralregierung bilden sollte, wurde den Arbeitern und Bauern aber die Macht aus den Händen gerissen. Verkürzt könnte man sagen, daß die Gewerkschaftsfunktionäre der CNT/FAI sich mit der Beteiligung am "Zentralkomitee" der faktischen Macht in Katalonien, die durch die (anarcho-syndikalistischen) Räte ausgeübt wurde, berauben ließen. Durch einen eigenartigen Verteilungsschlüssel waren im "Zentralkomitee der Milizen" alle politischen Gruppierungen zahlenmäßig gleich vertreten, was bedeutete, daß die mächtige CNT/FAI genauso viel Anteil an der Macht besaß, wie die "blutarme" (Broué/Témime) katalanische UGT (35). Die Erklärung für das Verhalten der CNT/FAI ist komplex, zum einen lehnte die CNT/FAI aus Überzeugung jegliche Form von Diktatur ab (als Schreckgespenst schwebte ihnen der stalinistische Terrorsozialismus vor Augen), zum anderen erhoffte sie sich, Vorteile in anderen Landesteilen aus ihrem Verzicht auf die Macht in Katalonien. Dieses Verhalten war aber nicht zwingend, da das entscheidende Wirtschaftszentrum in Händen der Arbeiter war und gegen die CNT/FAI keine Entscheidung zu treffen war.

Der anarchistische Sündenfall - die Beteiligung an einer Regierung von oben - mußte teuer bezahlt werden: Mangels fehlender praktischer Erfahrung und eines theoretischen Konzeptes für eine Revolution von oben seitens der CNT/FAI, konsolidierten sich die anderen Parteien und nahmen ihr nach und nach die Entscheidungsgewalt aus der Hand. Die Regierungsbeteiligung der CNT/FAI war quasi der "Dolchstoß" in der Spanischen Revolution. Nach und nach schwenkten die Funktionäre und anarchistischen Minister sogar auf die Formel "Erst den Krieg gewinnen, dann die Revolution" um (36). Die Macht, die vormals die Räte besaßen, wurde auf das Generalkomitee der Milizen verlagert, jede Initiative von unten wurde erstickt, die Arbeiter wurden von ihren eigenen Funktionären verraten.

Äußere Faktoren

Ein weiterer wichtiger Faktor war die militärische (Nicht-)Intervention ausländischer Mächte im spanischen Bürgerkrieg. Schon 6 Tage nach Ausbruch des Putsches wurde General Franco zuerst von Hitler und anschließend von Mussolini massive Militärhilfe zugesagt. Am 26. Juli landeten die ersten italienischen und deutschen Flugzeuge und boten den Aufständischen logistische Hilfe. Die übrigen Staaten hielten sich vornehm zurück und beschlossen, vor allem auf englischen Druck, eine Nichteinmischungsvereinbarung der europäischen Mächte gegenüber Spanien. Das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien hielten sich nicht an diese Vereinbarungen, so daß Franco einseitig begünstigt wurde. Einzig Mexiko (in geringem Umfang) und die Sowjetunion unterstützten das republikanische Spanien mit Waffen. Die hieraus resultierende einseitige Abhängigkeit von der Sowjetunion hatte fatale Folgen für die spanische Republik. Mit Beginn der Waffenlieferungen und der Entsendung von Militärberatern (37) (das sind Agenten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD) wuchs die einstmals unbedeutende PCE (Kommunistische Partei Spaniens) als Marionettenpartei Stalins zur beherrschenden Macht im republikanischen Spanien heran. Die PCE führte getreu die Weisungen des großen Stalin aus. Dessen Außenpolitik kannte, gemäß der Doktrin "Sozialismus in einem Land", nur ein Ziel: die Wahrung der sowjetischen Sicherheitsbedürfnisse. Die Stalin'sche Außenpolitik gegenüber Spaniens ist in drei Phasen einzuteilen (38), wobei hier nur die mittlere- die Interventionsphase - von Interesse ist. Stalin hatte im Oktober 1936 erkannt, daß das republikanische Spanien ohne weitere Hilfe recht rasch erobert werden würde und, daß Hitler sich danach anderen Aufgaben im Osten zuwenden würde. Folglich begannen die Waffenlieferungen aus der SU. Geliefert wurde nicht das beste Material (39) und selbstverständlich wurde auf Barzahlung bestanden. Der größte Teil des Goldvorrates der Bank von Spanien wurde 10 Tage nach der ersten Lieferung nach Odessa verschifft (40). Die Intervention der SU war eine begrenzte. Ziel war es, den drohenden Weltkrieg so lange wie möglich zu verhindern und vor allem Frankreich und England für den Kampf gegen den Faschismus zu gewinnen. Dieses Ziel konnte Stalin nicht erreichen. Als dies klar war, wurde Spanien seinem Schicksal überlassen.

In dem Zeitraum der Intervention (Oktober 1936 - März 1938) spielte sich aber eine der Tragödien dieses Jahrhunderts ab. Unter ständigem Verweis auf die Waffenlieferungen aus der SU und die im Raum schwebende Drohung, diese könnten gestoppt werden, waren die spanischen Kommunisten zu immer mehr Macht gekommen. Auf die PCE gestützt errichteten die sowjetischen "Militärberater" unter dem Namen SIM (Servicio de Investigacion Militar) einen Terrorapparat nach Vorbild der Tscheka (GPU, NKWD). Ziel Stalins war wie in der Sowjetunion die Ausrottung der linken Opposition, d.h. die Vernichtung vermeintlicher oder tatsächlicher Gegner Stalins (41) Hierunter zu leiden hatte zuallererst die als trotzkistisch bezeichnete POUM und natürlich die Anarchisten der CNT/FAI. Schlüsselereignis der "Vernichtung der freiheitlichen Linken" (J. Gorkin) waren die Mai-Ereignisse 1937 in Barcelona (42).

Die "tragische Woche im Mai" 1937

Vom 2. bis zum 7. Mai eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten auf der einen Seite und der CNT/FAI und der POUM auf der anderen Seite in Straßenkämpfen in Barcelona. Auslöser war die versuchte Besetzung der seit den Juli-Tagen 1936 unter gemeinsamer Kontrolle der CNT und UGT stehenden Telefonzentrale seitens kommunistischer Polizeitruppen. Auf diese Provokation hin fanden in der gesamten Stadt Streiks statt, die Massen hielten zur CNT und der POUM.

Während die Kommunisten darauf Truppen von der Front abzogen, um in Barcelona einzugreifen, weigerte sich die CNT-Führung unter Verweis auf die antifaschistische Einheitsfront ihrerseits Truppen nach Barcelona abzuordnen. Die CNT-Minister Federica Montseny (43) und Garcia Oliver setzten auf Verhandlungen mit den Kommunisten anstatt die fortwährenden Provokationen angemessen zu beantworten - nämlich mit der entschlossenen Bekämpfung der konterrevolutionären Stalinisten.

Hans-Magnus Enzensberger bilanziert das Ergebnis der Verhandlungen treffend: "Damit war dem spanischen Anarchismus das Rückgrat gebrochen; die CNT führte fortan nur noch ein Schattendasein und sah ohnmächtig zu, wie die Reste der spanischen Revolution liquidiert wurden." (44) In der Folgezeit wurden FAI und POUM verboten, die Führer und militanten Mitglieder entweder verhaftet oder ermordet, die Kollektive von den Truppen des kommunistischen Generals Lister zerstört und jegliche Hoffnung auf einen zweiten Weg zum Sozialismus als den autoritär-terroristischen vernichtet.

Nachdem die Euphorie des Volkes, die tragende Kraft der Spanischen Revolution und der Erfolge im Kampf, gebrochen war, war es nur eine Frage der Zeit bis Franco siegen würde. Von den nicht-faschistischen europäischen Staaten im Stich gelassen und jeglicher Euphorie beraubt fiel Stadt für Stadt, Dorf für Dorf in die Hände der franqoistischen Truppen. Am 26. Januar 1939 fiel Barcelona, und auch das "Rote Madrid" hielt nicht stand und mußte am 28. März 1939 bedingungslos kapitulieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war zwar noch ein Viertel Spaniens nicht von den Nationalisten besetzt und es wurde auch weiterhin Widerstand geleistet, jedoch konnte Franco nicht mehr ernsthaft gefährdet werden. Am 20. Mai 1939 fanden die Siegesparaden der Franco-Truppen statt. Franco regierte Spanien diktatorisch bis zu seinem Tod 1975. Unmittelbar nach dem Krieg wurden in ganz Spanien politische Gegner verfolgt, in Konzentrationslagern gefangen gehalten und ermordet (vorsichtige Schätzungen gehen von 80.000 Todesurteilen und von zwei Millionen inhaftierten Spaniern aus). (45)

Die CNT/FAI erholte sich von diesen Verfolgungen bis heute nicht, nach dem Ende der Diktatur wurde sie zwar wieder ins Leben gerufen, ist aber über den Status einer kleinen Minderheit in der spanischen Arbeiterschaft nicht herausgekommen.

Fazit

Die Spanische Revolution stellt den Versuch dar, ein Gesellschaftsmodell zu verwirklichen, das auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit beruht und diese Ideen nicht in einem paranoiden Wahnsystem durchsetzen wollte. Spekulationen sind müßig, alle Fragen "aber was wäre gewesen, wenn die Revolution von Dauer gewesen wäre, wäre sie dann nicht genauso entartet wie die Russische Revolution etc." sind nicht zu beantworten. Wir können nur sehen, wie die Menschen ihr Schicksal in die eigene Hand nahmen, wie sie die Kunst beherrschten sich weder von der erdrückenden Macht der Anderen noch von ihrer eigenen Ohnmacht dumm machen zu lassen (46), und welche Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sie praktizierten. Sicher waren die Kollektive nicht perfekt, sicher ist der Anarcho-Syndikalismus kein ausgeklügeltes Patentrezept.

Aber angesichts des globalisierten Kapitalismus und seiner sattsam bekannten Entartungen:

  • Armut in der Dritten Welt
  • wachsende Armut in den reichsten Ländern der Erde
  • 358 (in Worten Dreihundertachtundfünzig) Dollar-Milliardäre, die über mehr Geld verfügen, als die ärmsten 45% der Weltbevölkerung - rund 3 Milliarden Menschen (47)
  • menschenunwürdige Arbeitsbedingungen überall
  • steigende Gewinne der Unternehmen bei gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit (jobless growth)
  • Privatisierung der Gewinne - Vergesellschaftlichung der Kosten
  • Das Steigen einer großen Anzahl von Menschen, die unser Wirtschaftssystem nicht mehr braucht (48)
  • etc.

ist es Zeit über eine vernünftige Organisation der Weltgesellschaft nachzudenken. Hilfreich hierbei ist der Blick in die Geschichte, Utopien, historische Situationen aus denen man für die Zukunft lernen kann. Konzepte, die nicht bruchlos übertragen werden können, aber Ideen, die es sich lohnt aufzugreifen.

Sollte uns eine vernünftige Organisation unseres Lebens nicht gelingen, sollte die Logik des Marktes, unser Leben bestimmen, sollte die Verwandlung von Menschen in Waren, die gehandelt, verwertet und wie Waren weggeworfen werden, weiterhin System bleiben, droht ein Rückfall in die Barbarei, der seine geschichtlichen Vorbilder in den Konzentrationslagern der Nazis hat (49). Wo Menschen einzig Kostenfaktoren sind, werden auch Gedanken über die Abschaffung der Kosten gehegt. Und diese Logik ist dem Kapitalismus systeminhärent. Die Menschen, die damals für eine gerechte Gesellschaft kämpften, haben nicht über ihre Chancen nachgedacht. Sie fanden es an der Zeit, ein System institutionalisierten Unrechts zu zerschlagen und notfalls auf Trümmern eine neue Gesellschaft aufzubauen.

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